Ein grünes Wunder in Mitte

Ein kleines Paradies, versteckt im Herzen von Enger: Familie Glatzel lebt auf einem 4.000 Quadratmeter großen Grundstück, das seit vier Generationen in Familienbesitz ist. Ein neuer ökologischer Massivholzbau,  alte Bäume, ein riesiges Gemüsefeld – hier fühlt es sich an wie auf dem Land. Und doch liegt die Grundschule direkt nebenan, das Stadtleben ist nur einen Katzensprung entfernt. Zwischen Hochbeeten und Familiengeschichte zeigt sich: Nachhaltiges Wohnen und urbanes Leben schließen sich nicht aus – sie ergänzen sich perfekt.

Als Wilhelm Strack in den 1920er-Jahren seiner Frieda einen Heiratsantrag machte, stellte er ihr eine ungewöhnliche Frage: „Willst du lieber einen Pelz oder ein Grundstück, mein liebe Frieda?“ Zum Glück konnte Frieda mit Pelzen nicht viel anfangen. Sie entschied sich für das Grundstück. Und so kaufte Wilhelm für sie ein Stück Land in Enger, zwischen Bauernhöfen, Mitten im Ort. 4000 Quadratmeter, um genau zu sein. Und so begann die Geschichte eines Hauses, das über fast hundert Jahre wuchs – so wie die Familie, die es bewohnte.

Wilhelm und Frieda begannen klein – mit einem Gartenhäuschen, um erst einmal da zu sein. Als ihr Sohn Ludwig 1926 geboren wurde, bauten sie an. Erst ein Zimmer, dann das nächste, immer genau dann, wenn es gebraucht wurde. Das Haus wuchs nicht nach Bauplan, sondern nach ihren Bedürfnissen. Ein verwinkeltes, zusammengewürfeltes Zuhause entstand, mit Räumen, die sich aneinanderlehnten wie vertraute Menschen. Ein eigenwilliges Haus ohne festen Plan, aber mit viel Herz.

Ihr Sohn Ludwig, später Opa Ludwig genannt, baute weiter an, setzte 1947 ein Gästehaus auf das Grundstück – in der Familie liebevoll „kleines Häuschen“ genannt. Die Stadt um ihn herum veränderte sich. Aus Bauernhöfen wurden Straßen, Schulen, Geschäfte. Doch hinter der alten Mauer, unter den großen Bäumen, blieb es immer ein bisschen wie früher: ruhig, grün, abgeschieden. Ein ganz eigener Kosmos.

In den 1960er-Jahren kam das Poolhaus dazu – ein kleiner Luxus in einem Zuhause, das sonst so pragmatisch entstanden war. Hier spielten seine Kinder und Enkelkinder in dem riesigen Garten, hier wurde gefeiert und gelacht.

Stillstand und ein Neuanfang

Jahrzehnte später: Opa Ludwig wurde älter und so wollte seine Tochter Helga näher bei ihm sein. Sie baute kurzerhand das „kleine Häuschen“ für sich um und weitere Gebäudeteile daran an. Doch bevor sie richtig ankommen konnte, starb ihr Vater. Und plötzlich war es still. Das große Haus, das so lange gelebt hatte, stand fünfeinhalb Jahre leer.

Dann kam Mareike.

Helgas Tochter Mareike hatte als Kind unzählige Stunden in Opa Ludwigs Garten verbracht, unter den Mammutbäumen, in den versteckten Ecken des Hauses. Und nun, mit einer eigenen Familie, wollte sie zurückkehren. Doch der Zustand des Hauses war ernüchternd. Der Lehmputz bröckelte, das Holz war morsch. Eine Sanierung? Unmöglich. 2016 fiel die Entscheidung für einen Neubau – aber nicht irgendeinen. „Es war klar, dass wir den verwinkelten Grundriss erhalten“, erzählt Mareikes Mann Jan-Timo.

Das neue Haus wurde aus Vollholz gebaut, ökologisch, nachhaltig und warm. Mit Lehmputz, Holzdämmung, großen Fenstern und hellen Räumen. 220 Quadratmeter, 12 Zimmer, ein Wintergarten – Zaun an Zaun mit Mareikes Mutter Helga.

Eine alte Mauer, Opa Ludwigs Innenhof, der große Baumbestand und sein 600 Quadratmeter großer Gemüsegarten blieben erhalten. „Es fühlt sich hier gar nicht an, als wären wir mitten in der Stadt – mehr wie auf einer Insel im Grünen“, sagt Mareike.

Im Juni 2017, fast ein Jahrhundert nach dem Grundstückskauf, war das neue Haus fertig. Im darauffolgenden Jahr heiratete Mareike ihren Mann Jan-Timo im Garten – genau dort, wo einst Wilhelm und Frieda lebten.

Wer durch das Eingangstor tritt, sieht erst einmal nichts von all dem. Von der Straße aus wirkt das Haus unscheinbar. Doch wer eintritt, spürt sofort, dass hier etwas Besonderes ist: Die Ruhe unter den alten Bäumen. Das Licht, das durch die großen Fenster fällt. Die Wärme des Holzes.

Ihre drei Söhne Enno, Piet und Fred wohnen in gemütlichen Kinderzimmern mit Holzwänden und Dielenboden. Der kleine Fred kam sogar hier zur Welt. Die beiden Älteren gehen zur Grundschule Mitte direkt durchs Gartentörchen – so wie es auch Mareikes Mutter Helga schon getan hat.

Im alten Pool eine Spielfläche

Der Garten ist das Herzstück des Familienlebens: Helga übernahm ein Drittel des großen Gartens – die junge Familie den Rest. Ein riesiger Sandkasten, ein Kletterhaus, ein Tipi, ein Hasenstall – und natürlich eine Feuerschale für lange Sommerabende.

Auch Opa Ludwigs alte Möbel haben wieder einen Platz gefunden: Zwei seiner alte Kommoden stehen neu aufbereitet im Wohnzimmer und sein alter Sessel hat eine neue Aufgabe am Schreibtisch von Piet gefunden. Und dann gibt es da noch eine Besonderheit: Den alten Pool hat die Familie nicht entfernt, sondern umfunktioniert. Eine Holzplatte bedeckt ihn, darunter verbirgt sich nun eine Spielhöhle für die Kinder – beleuchtet mit den original Poollichtern. Opa Ludwigs großen Gemüsegarten bewirtschaften sie mit drei weiteren Familien.

Mareike lacht, als sie erzählt, wie sehr sie diesen Ort liebt: „Nachmittags scheint die Sonne ins Haus, es fühlt sich an wie Urlaub.“ Und wenn sie aus den Kinderzimmern schaut, sieht sie abends die wünderschön beleuchtete Stiftskirche.

Und dann gibt es da noch dieses Fahrrad, dass in Opa Ludwigs Innenhof hängt. Helga fuhr es in ihrer Studienzeit in Berlin. Jahre später strich Mareike es grün, um mit Jan-Timo zu ihren ersten Dates in Hannover zu radeln. Ein kleines Detail – und doch erzählt es so viel über dieses Haus, diese Familie und ihr ganz besonderes Stück Enger.

Doch hier endet die Geschichte nicht. Denn was hier so organisch gewachsen ist, wurde mit Weitblick gebaut. Falls es irgendwann zu groß wird, kann das Haus in zwei Einheiten geteilt werden – eine eigene Wohnung im Obergeschoss wäre möglich. „Es ist so toll zu wissen, dass wir die Tradition weiterführen“, findet Mareike.

Von Jana Göb