
Seit fast 190 Jahren gehört der Name Strack zu Enger. Ende des Jahres ist Schluss. Die Traditionsbäckerei an der Burgstraße schließt zum 31. Dezember. Für Sabine Büschke und ihre Schwester Christel Strack endet damit nicht nur ein Beruf, sondern eine Familiengeschichte über fünf Generationen.
„Irgendwann müssen wir den Schlüssel ja umdrehen.“ Sabine Büschke sagt diesen Satz ruhig. Und trotzdem merkt man schnell, wie schwer er ihr fällt. Immer wieder werden ihre Augen feucht, wenn sie über die vergangenen Monate spricht. Über die Entscheidung. Über die Mitarbeiter. Über die Kunden, die seit Jahren oder Jahrzehnten kommen. Und darüber, dass es nun tatsächlich ein Ende geben wird.
Am 31. Dezember schließt die Bäckerei Strack an der Burgstraße. Ein Satz, der in Enger größer ist, als er zunächst klingt. Denn Strack ist nicht einfach eine Bäckerei in der Innenstadt. Hier wird seit Generationen gebacken, verkauft und ausgeliefert. Die Familiengeschichte reicht bis ins Jahr 1837 zurück. Damals übernahm Friedrich Eduard Strack den Betrieb. Es folgten Wilhelm Strack, Eduard Strack, später erneut Eduard Strack und schließlich die heutige Generation. Seit 1996 führt Sabine Büschke, geborene Strack, das Unternehmen gemeinsam mit ihrer Schwester Christel. Heute steht die Familie in fünfter Generation hinter dem Tresen und in der Backstube.
Fast 190 Jahre Familiengeschichte also. Und jetzt? „Wir haben keine Nachfolge“, sagt Büschke.
Ihre drei Kinder leben nicht mehr in Enger und haben längst eigene berufliche Wege eingeschlagen. Die sechste Generation wird die Bäckerei nicht übernehmen. Gleichzeitig sind die Bedingungen für einen kleinen, inhabergeführten Handwerksbetrieb schwieriger geworden.
Ein großes Thema ist die bevorstehende Baustelle in der Innenstadt. „Die kommende ISEK-Baustelle ist für uns finanziell nicht zu stemmen“, sagt Büschke. Und auch die Zeit danach sei für das kleine Unternehmen nicht mehr zu finanzieren. Vor allem die Parksituation bereitet ihr Sorgen. Parkplätze, die künftig wegfallen oder anders organisiert werden, seien für eine Bäckerei wie Strack entscheidend. Denn zum Geschäft gehören nicht nur Menschen, die gemütlich durch die Innenstadt schlendern. Es sind auch die schnellen fünf Minuten am Morgen. Auto abstellen, Brötchen holen, Kaffee mitnehmen, weiter. „Wer morgens mal schnell einen Kaffee und ein Brötchen holen will, der hat keine Lust, rückwärts einzuparken oder lange nach einer passenden Parklücke zu suchen.“
Für Büschke ist das keine theoretische Diskussion über Innenstadtentwicklung. Es ist eine Frage, die unmittelbar darüber entscheidet, ob genug Menschen durch die Tür kommen. Dazu kommt ein Problem, das viele Handwerksbetriebe kennen: Personal. In der Backstube ist eine Vollzeitkraft ausgefallen. Ersatz zu finden, sei nahezu unmöglich. „Man findet einfach keine Bäcker mehr“, sagt Büschke. Früh aufstehen, körperlich arbeiten, während andere noch schlafen. Ein Beruf, für den sich immer weniger Menschen entscheiden.
Nachfolge, Baustelle, Parkplätze, Personal. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem die beiden Schwestern sagen mussten: „Es geht so nicht weiter.“ Leicht gefallen ist ihnen dieser Satz nicht. „Es hat uns viele Tränen und Nerven gekostet. Aber wir haben jetzt mit der Entscheidung abgeschlossen. Es ist jetzt so.“
Vielleicht ist genau dieses „Es ist jetzt so“ der schwierigste Teil. Nach Jahrzehnten, in denen der Tagesablauf vom Betrieb bestimmt wurde. Backstube, Laden, Mitarbeiter, Kunden. Weihnachten. Sonntage. Morgende, die sehr viel früher beginnen als anderswo.

Und ein Haus, das praktisch um diese Bäckerei herum gebaut scheint. Wie es mit der Immobilie an der Burgstraße weitergeht, ist deshalb noch offen. Die Familie denkt über einen Verkauf nach. Einfach ist auch das nicht. „Hier in diesem Haus ist alles darauf ausgerichtet, als Familienunternehmen einen Laden zu führen“, erklärt Büschke. Wohnen und Arbeiten, Laden und Produktion sind eng miteinander verbunden. Sie selbst lebt hier seit ihrer Geburt.
Mal eben eine Tür schließen und aus dem Rest etwas völlig anderes machen funktioniert hier nicht. Ohnehin blickt die 66-Jährige eher skeptisch auf die Entwicklung klassischer Geschäfte in der Engeraner Innenstadt. „Das mit dem Einzelhandel hat sich in der Innenstadt erledigt“, sagt sie.
Es ist ein harter Satz. Einer, über den man diskutieren kann. Für Sabine Büschke aber ist er das Ergebnis ihrer eigenen Erfahrungen der vergangenen Jahre.
Was sie bei all den wirtschaftlichen Fragen besonders beschäftigt, sind die Menschen hinter Strack. Manche Mitarbeiter gehören seit mehr als 20 Jahren zum Betrieb. Sie haben Generationen von Kunden kommen sehen, Kinder irgendwann mit ihren eigenen Kindern wieder an der Theke begrüßt und vermutlich ziemlich genau gewusst, wer samstags welche Brötchen möchte. „Denn wir haben echt tolle Leute im Betrieb“, sagt Büschke. Sie hofft, dass alle schnell einen guten neuen Arbeitsplatz finden.
Auch viele Kunden reagieren traurig auf die Nachricht. Manche können sich eine Burgstraße ohne Strack kaum vorstellen. Gleichzeitig, erzählt Büschke, gebe es viel Verständnis für die Entscheidung.
Für sie selbst beginnt ab Januar tatsächlich etwas völlig Neues. Nach Jahrzehnten im Familienbetrieb geht Sabine Büschke offiziell in Rente. Drei Enkelkinder warten bereits auf deutlich mehr Oma-Zeit. Ihre Schwester Christel Strack ist 58. Ganz aufhören möchte die gelernte Konditorin noch nicht. Sie will weiterarbeiten, nur eben künftig nicht mehr im eigenen Familienbetrieb.
Enger verlassen werden die Schwestern deshalb trotzdem nicht. Auch dann nicht, wenn die Immobilie irgendwann verkauft werden sollte. „Wir haben unser gesamtes soziales Umfeld hier.“
Noch bis Ende Dezember wird an der Burgstraße gebacken. Noch gehen morgens die Türen auf, noch stehen Brötchen in den Körben und Kuchen in der Auslage. Und dann werden Sabine und Christel irgendwann tatsächlich den Schlüssel umdrehen. Dieses Mal für immer.
