Kommentar zum TVC: Was Vereine von Journalismus erwarten dürfen – und was nicht

Eigentlich sollte dieser Text ein anderer werden.

Geplant war ein Porträt über Gerhard Feldmann. Über einen Mann, der den TVC Enger über Jahrzehnte geprägt hat, über Ehrenamt, Vereinsarbeit und einen Abschied nach 33 Jahren an der Spitze des Vereins. Termine waren vereinbart, Gespräche vorbereitet, die Geschichte eigentlich erzählt.

Dann kam alles anders.

Nicht nur die Personalentscheidungen änderten sich innerhalb weniger Tage mehrfach. Auch die Wünsche an die Berichterstattung veränderten sich fortlaufend. Zunächst stand der geplante Abschied eines langjährigen Vorsitzenden im Mittelpunkt. Danach rückte die Vorstellung eines designierten Nachfolgers in den Fokus. Wenige Tage später bestimmten Rückzüge, neue Kandidaturen und alternative Vorstandskonzepte die Diskussion. Nach der Mitgliederversammlung folgten schließlich umfangreiche Hinweise dazu, welche Aspekte stärker hervorgehoben, abgeschwächt oder anders eingeordnet werden sollten.

Das ist menschlich nachvollziehbar. Wer selbst Teil eines dynamischen und emotionalen Prozesses ist, bewertet Ereignisse häufig anders, wenn sich die Lage verändert. Für journalistische Berichterstattung entsteht daraus jedoch eine Herausforderung: Sie muss den jeweiligen Stand der Ereignisse zum Zeitpunkt der Berichterstattung abbilden und kann nicht rückwirkend jede neue Sichtweise zum Maßstab machen. Die Aufgabe von Journalismus besteht nicht darin, das gewünschte Selbstbild eines Vereins zu veröffentlichen, sondern die Realität eines Geschehens für LeserInnen einzuordnen.

Innerhalb weniger Tage entwickelte sich aus einem geplanten Generationenwechsel ein Wahlkrimi. Kandidaturen wurden angekündigt und zurückgezogen, neue Konstellationen entstanden, es wurde diskutiert, mobilisiert und verhandelt. Als Journalistin bleibt in einer solchen Situation nur eine Aufgabe: Informationen sammeln, prüfen und berichten.

Dafür sitzt man dann nicht selten stundenlang am Telefon mit verschiedenen Parteien und in Versammlungen. Im Fall des TVC waren es mehrere Tage vor der Wahl und mehrere Stunden an einem Sonntag. Man spricht mit Beteiligten, hört unterschiedliche Sichtweisen, prüft Informationen und versucht, aus einem komplexen Geschehen einen verständlichen Bericht über den Verlauf zu machen.

Dabei entsteht Berichterstattung niemals im luftleeren Raum. Informationen kommen von vielen Seiten. Auch in diesem Fall wurden der Redaktion Unterlagen, E-Mails und Statements von Personen aus dem Vereinsumfeld und aus Vereinsgremien selbst zur Verfügung gestellt.

Wer die veröffentlichte Berichterstattung zum TVC liest, liest bereits eine journalistisch abgewogene Version der Ereignisse – nicht jede Information, die der Redaktion in diesen Tagen zugetragen wurde. Weil verantwortungsvoller Journalismus nicht alles veröffentlicht, was ihm bekannt ist.

Umso bemerkenswerter ist es, wenn nach einer Berichterstattung der Wunsch entsteht, nicht nur sachliche Fehler zu korrigieren, sondern ganze Passagen umzudeuten oder nachträglich zu ergänzen. Zwischen einer notwendigen Korrektur und dem Wunsch nach einer anderen Darstellung besteht ein wichtiger Unterschied.

Ich erhielt nach Erscheinen des Artikels konkrete Textvorschläge, Hinweise zu gewünschten Formulierungen und Anregungen, welche Zitate, Bewertungen und Aspekte aus Sicht des Vereins anders dargestellt werden sollten. Und welche Zitate nach Ansicht des Vereins jetzt keinen „Informationsgehalt“ mehr haben – oder haben sollten. Dazu behielt sich der Verein ausdrücklich auch medienrechtliche Schritte vor.

Selbstverständlich müssen sachliche Fehler berichtigt werden. Das gehört zu den Grundregeln des Journalismus. Wenn sich eine Formulierung als unzutreffend erweist, wird sie korrigiert.

Nicht jede Kritik führt jedoch automatisch zu einer Korrektur. Journalistische Berichte sind keine Pressemitteilungen und keine PR-Texte. Sie bilden ein Geschehen nach bestem Wissen und Gewissen ab. Unterschiedliche Bewertungen von Anwesenden und Interpretationen von Lesern gehören dazu. Würde jede beteiligte Seite nachträglich festlegen können, welche Aussagen stehen bleiben und welche nicht, gäbe es keine unabhängige Berichterstattung mehr.

Gerade Vereine beklagen häufig, dass immer weniger JournalistInnen bereit sind, Mitgliederversammlungen, Jahreshauptversammlungen oder ehrenamtliche Veranstaltungen zu begleiten. Das ist verständlich, denn Lokaljournalismus kostet Zeit. Sehr viel Zeit. Wer drei Stunden an einem Sonntag live auf einer Versammlung verbringt, tut dies nicht, weil es die einfachste Geschichte der Woche ist. Und auch nicht, weil er einfach die darauffolgende Pressemitteilung unreflektiert abdrucken möchte. Sondern weil Menschen in Enger die Möglichkeit haben sollen, zu lesen, was passiert ist.

Die Erwartung sollte deshalb nicht sein, dass Berichterstattung ausschließlich Zustimmung erzeugt. Sie sollte sein, dass fair, sorgfältig und unabhängig berichtet wird. Genau das bleibt die Aufgabe des Lokaljournalismus – auch dann, wenn die Geschichte am Ende ganz anders verläuft als Beteiligte sich ursprünglich vorgestellt und gewünscht haben.

Warum ich hier also keine weitergehende Korrektur abdrucke? Weil die wenigen sachlichen Punkte, die einer Präzisierung bedürfen, nämlich dass nach Angaben des Vereins für die Wahl von Vorstandsmitgliedern eine einfache Mehrheit genügt und Enthaltungen nicht mitgezählt werden sowie dass sich die Handballabteilung im ersten Wahlgang nach Darstellung des Vereins enthalten und nicht gegen Jennifer Kapiza gestimmt hat, korrigiert werden können – die darüber hinaus geäußerten Wünsche zu Zitaten, Formulierungen, Gewichtungen, zusätzlichen Fotos und Bewertungen jedoch in die redaktionelle Verantwortung und nicht in die eines Vereins fallen. Weil sich Berichterstattung an den Tatsachen orientiert – nicht an den Formulierungen, die sich Beteiligte im Nachhinein für die Berichterstattung wünschen. Auch wenn dies mit Nachdruck gefordert wird.

Denn die Menschen in Enger sollen sich sicher sein können, dass das, was sie hier lesen, weder beschönigt noch abgemildert oder nachträglich zurechtgerückt wird, sondern sich an den Tatsachen orientiert.

Jana Göb