Klasse an der Grundschule Enger-Mitte über Nacht aufgelöst: Politik fordert Aufklärung

Foto: Jana Göb

Es ist der erste Schultag nach den Osterferien, viele Kinder kommen mit Geschichten im Gepäck zurück in ihre Klassenräume – doch für die Drittklässler der 3d gibt es diesen Raum plötzlich nicht mehr. Statt Wiedersehen und Routine beginnt der Montag für sie mit einer Nachricht, die den Schulalltag grundlegend verändert: Ihre Klasse existiert nicht mehr.

Die Information erreicht die Eltern am Morgen per E-Mail. Kurz und sachlich wird darin erklärt, dass die 3d aufgelöst wird. Noch in derselben Woche werden die Kinder auf die Parallelklassen verteilt. Für die Familien kommt dieser Schritt ohne Vorwarnung und entsprechend hart.

Auslöser ist der langfristige Ausfall einer Lehrkraft. Die bisherige Klassenleitung steht nicht mehr zur Verfügung, Ersatz konnte kurzfristig nicht organisiert werden. Die Folge: Die Kinder werden auf die Klassen 3a, 3b und 3c aufgeteilt, die damit wachsen. Schon zwei Tage später gilt ein neuer Stundenplan.

Was nach einer organisatorischen Entscheidung klingt, trifft viele Eltern emotional. Die gewachsene Klassengemeinschaft, Freundschaften, vertraute Abläufe – all das wird von einem Tag auf den anderen aufgebrochen.

Brisant ist dabei auch der Blick auf die Ausgangslage: Noch im März galt die Grundschule Enger-Mitte laut Zahlen der Landesregierung als gut aufgestellt. Mit einer rechnerischen Personalausstattung von über 100 Prozent gehörte sie zu den besser versorgten Schulen in Enger und Spenge. Die Daten stammen aus dem Dezember und wurden auf Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Christian Dahm veröffentlicht.

Im Ausschuss für Jugend, Schule und Sport am Dienstagabend stellt sich Schulleiterin Eva Dorothee Steuer der Situation: „Die Entwicklung hat sich erst in den Osterferien ergeben. Eine Lehrerin fällt langfristig aus.“ Man habe verschiedene Optionen geprüft, so Steuer, jedoch ohne Erfolg:
„Wir haben nach Lösungen gesucht, aber keine Unterstützung durch das Schulamt erhalten.“ Die Entscheidung sei deshalb alternativlos gewesen: „Uns blieb keine Wahl.“ Besonders wichtig sei es gewesen, den Kindern schnell Orientierung zu geben: „Wir wollten keine dauerhaften Vertretungspläne, sondern feste Strukturen.“ Auch der Zeitpunkt habe eine Rolle gespielt. Direkt nach den Ferien stand ein Ausflug an: „Für die Kinder war es wichtig zu wissen, wohin sie gehören.“

Die neuen Klassenkonstellationen seien daher bewusst zügig umgesetzt worden. Pädagogisch wolle man die Situation durch zusätzliche Doppelbesetzungen auffangen. „Die Klassen sind jetzt immer noch kleiner als in Jahrgang zwei und liegen maximal bei 27 Kindern.“

Während die Schulleitung die Entscheidung als notwendige Reaktion auf eine akute Personallücke beschreibt, fällt die Bewertung aus der Politik deutlich kritischer aus.

In einer Stellungnahme zeigt sich die SPD-Fraktion „sehr besorgt“ über die Entwicklung an der Grundschule Enger-Mitte. Besonders die kurzfristige Information der Eltern werfe Fragen auf. Transparenz und eine frühzeitige Einbindung aller Beteiligten seien gerade im sensiblen Bereich Schule unerlässlich, heißt es von Guido Libuda-Franke, Fraktionsvorstand.

Dass Eltern erst am Tag der Umsetzung per E-Mail informiert wurden, sei „nicht akzeptabel – und leider kein Einzelfall“. Auch insgesamt beklagt die Fraktion, dass Informationen häufig verspätet oder unvollständig weitergegeben würden, während gleichzeitig Erwartungen an die Politik herangetragen würden, Lösungen zu liefern. Diese Diskrepanz erschwere eine konstruktive Zusammenarbeit erheblich.

Die SPD formuliert zudem einen Katalog offener Fragen: Seit wann sei der langfristige Krankheitsausfall bekannt gewesen? Wann wurde die Bezirksregierung informiert? Welche Maßnahmen seien geprüft worden, um eine Auflösung der Klasse zu verhindern? Und warum seien die Eltern ausschließlich so kurzfristig informiert worden? Auch die Frage nach möglichen Alternativen zur Auflösung der 3d steht im Raum – und warum diese offenbar verworfen wurden.

Die Fraktion fordert für die Zukunft eine „offene, frühzeitige und vertrauensvolle Kommunikation“ gegenüber Eltern und Politik. Nur so könne gemeinsam an tragfähigen Lösungen im Sinne der Kinder gearbeitet werden.

Auch aus anderen politischen Reihen kommt Kritik. Klaus Hermann Bunte von den Grünen spricht von einem „problematischen Bruch in der Biografie der Kinder“. „Manche werden das besser verarbeiten als andere, aber der Vorgang ist sehr bedauerlich.“ Gleichzeitig sieht er darin ein größeres strukturelles Problem: „Das ist auch ein Abbild der aktuellen Schulsituation.“

Die Schulleitung selbst wollte sich zu den politischen Reaktionen nicht weiter äußern.

Für die Kinder der ehemaligen 3d beginnt der Schulalltag nun neu – in anderen Klassen, mit neuen Bezugspersonen. Was bleibt, ist bei vielen Familien ein Gefühl, das sich nicht so schnell auflösen dürfte wie die Klasse selbst.