
Rund 30 Menschen sind am Dienstagabend in das Gemeindehaus der Lukaskirche gekommen. Es ist kein formelles Treffen, eher ein Ringen um Antworten – und um Perspektiven. Nach der Entscheidung, große Teile der kirchlichen Gebäude in Enger aufzugeben, hatte das Team Lukas zu einer öffentlichen Sitzung eingeladen. Viele wollten reden, zuhören, verstehen, was der Umbruch ganz konkret für ihren Ort bedeutet.
Annemarie Lipinski machte zu Beginn deutlich, wohin die Reise aus Sicht des Presbyteriums gehen soll. „Wir sind eine Gesamtgemeinde mit einem Pfarrteam, es soll jetzt zusammen eine Vorstellung entwickelt werden“, sagte sie. Das bedeute auch, dass Gruppen künftig flexibler werden müssten. Und es bedeute ebenso, dass nicht nur die Randbereiche Veränderungen spüren werden. „Nicht nur die Randgebiete sollten jetzt Frust haben, sondern auch die Menschen in Enger-Mitte. Denn da muss es auch jetzt anders laufen“, brachte ein Besucher seine Sorge auf den Punkt.
Ein zentrales Thema des Abends war die Frage nach Räumen. In Enger-Mitte steht die Idee im Raum, den Dachboden des Gemeindezentrums auszubauen, um zusätzliche Gruppenräume zu schaffen. Doch sofort tauchten neue Fragen auf: Wenn die Räume schon jetzt knapp sind, wohin in der Umbauphase? Und wie sollen die vielen Gruppen und Kreise künftig untergebracht werden?
Auch die Chöre waren schnell Teil der Diskussion. Lipinski betonte, dass sich alle miteinander absprechen müssten. „Wer darf denn dann zum Beispiel an Weihnachten in der Stiftskirche spielen? Die Kooperationsbereitschaft muss dann von allen da sein“, gab ein Zuhörer zu bedenken. Die größten Hürden, so die einhellige Meinung, werden die Terminfindungen sein – und überhaupt Termine in der Stiftskirche zu bekommen.
Jochen Höner warnte davor, die Bedeutung der Orte vor Ort zu unterschätzen. „Wir brauchen Identifikationsstätten in den einzelnen Ortsteilen, sonst werden wir schnell noch mehr Mitglieder verlieren“, sagte er. Besonders deutlich wurde das beim Blick auf das Gemeindehaus an der Lukaskirche. Sollte das Jugendzentrum Zebra dort nicht einziehen, steht auch dieses Gebäude zur Disposition. Ein Besucher fasste die Stimmung drastisch zusammen: „Das ist für mich betreutes Sterben: Wie halbiere ich noch einmal die Gemeinde.“
„Wir müssen es doch zusammen hinkriegen“, warf Dirk Unternbäumer ein. Doch genau dieses „zusammen“ bereitete vielen Sorgen. Martina Böske brachte es offen auf den Punkt: „Das größte Problem wird das ‚gemeinsam‘ sein, weil jeder etwas in seiner Gemeinde braucht. Nicht nur ein Ort in Mitte.“ Für sie und ihre Chöre sei zudem die Akustik entscheidend. „So etwas wie die Lukaskirche gibt es in ganz Belke-Steinbeck und Besenkamp nicht noch einmal.“ Sie habe sich über Jahre Chöre aufgebaut und Menschen überzeugt – immer mit dem Ziel eines Auftritts in der Lukaskirche. Wie das weiter gelingen solle, wisse sie nicht.
Presbyter Franz Schneider sprach sehr ehrlich über die Belastung der Ehrenamtlichen. „Ich erhoffe mir auch eine Entlastung durch den Zusammenschluss. Denn es sind immer die selben sieben helfenden Hände.“ Wenn jeder nur ein bisschen geben würde, könnte vieles leichter werden. Gleichzeitig stellte er die unbequeme Frage: „Ist das Interesse überhaupt da an der Lukas-Gemeinde? Lohnt es sich? Wenn nicht, dann sollen bitte alle einfach in die Stiftskirche gehen.“ Wie viel Arbeit heute schon an wenigen hängen bleibt, schilderte Simone Gisinger-Hirn. Sie erzählte von Abenden, an denen sie noch spät allein die Kirche durchwischt.
Presbyter Marcus Dreier ordnete die Situation der Lukaskirche nüchtern ein. „Es ist ein souveränes Gebäude, getrennt vom Gemeindehaus. Es hat aber kein WC, keine Küche – deshalb ist es vermutlich schwierig, die Kirche alleine zu bewirtschaften.“ Auch die Heizung sei „fertig mit der Welt“. Zudem hänge noch eine vermietete Wohnung an der Kirche. Am Ende brauche es Menschen, die dieses Gebäude wirklich tragen wollen. Außerdem verlange die Kirche 99 Jahre Erbpacht auf das Grundstück. „Das muss sich auch jemand ans Bein binden wollen. Denn, wie wirst du das wieder los, wenn es nicht mehr geht?“, so Dreier.
Und genau an diesem Punkt bekam der Abend eine neue Wendung. Dirk Unternbäumer brachte eine Idee ins Spiel: „Wie wäre es mit einem Verein? Bei dem jeder aus der Gemeinde ein bisschen Geld monatlich beisteuert, um diesen Kulturort zu erhalten.“ Er wäre bereit, die Kirche mit dieser konkreten Idee für die Gruppen und Konzerte zu retten. Auch Jochen Höner signalisierte, dass er sich einen solchen Verein vorstellen könne. Einnahmen könnten etwa durch Konzerte oder neue Formate wie ein Beerdigungs-Café entstehen. „Das hängt natürlich stark vom Preis ab, den die Kirche jetzt daran hängt“, so Höner. „Aber wir können das doch gemeinsam anpacken“, findet Dirk Unternbäumer. Sein Interesse sei groß, die Kirche so für den Ort zu erhalten.
Steffi Unternbäumer zeigte sich ebenfalls optimistisch: „Und wenn wir das wirklich wollen, dann haben wir doch gemeinsam auch die alte Heizung schnell umgebaut.“ Auch Svea Bunte sieht in dem Modell eine Zukunft: Sie könne sich vorstellen, dass manche sagen: „Möchte ich das noch?“ – und lieber aus der Kirche austreten, um ihr Geld in einen Vereinstopf zu stecken.
Am Ende des Abends blieb vieles offen, aber eines war klar: Die Diskussion ist durch das Ehepaar Unternbäumer in Bewegung geraten. „Wir sollten uns zusammensetzen und diese Möglichkeit miteinander besprechen“, sagte Marcus Dreier. Zwischen Sorge, Erschöpfung und ersten neuen Ideen wurde in der Lukaskirche deutlich: Die Zukunft ist ungewiss – aber sie wird nicht ohne die Menschen vor Ort entschieden werden.
