Erst gerettet, dann verirrt: Zwei junge Uhus starten in Enger ins wilde Leben

Eigentlich sollte es ein großer, würdevoller Moment werden. Zwei junge Uhus, im Frühjahr noch in letzter Sekunde vor dem sicheren Tod gerettet, sollten endlich zurück in die Freiheit. Doch kaum standen die Transportkisten am Waldrand „Vorm Sielerholz“ in Enger, war von majestätischem Abflug erst einmal wenig zu sehen. Die beiden Uhus hatten offenbar andere Pläne.

Am Donnerstag trug das Team des Tierparks Herford die Kisten über ein Stoppelfeld bis in die Nähe des Waldes. Dann wurden die Klappen geöffnet. Doch statt sofort loszufliegen, blieben die jungen Greifvögel erst einmal sitzen. Vorsichtig schauten sie aus den Boxen, musterten das Feld und schienen sich nicht ganz sicher zu sein, ob diese Freiheit wirklich eine gute Idee war.

Also wurden die Kisten ein Stück weiter Richtung Wald getragen. Und noch ein Stück. Schließlich nahm Falknerin Laura Dodt den ersten Uhu vorsichtig heraus und setzte ihn auf ihren Arm. Von dort hob er tatsächlich ab. Er flog auf das Waldstück zu, landete aber kurz davor wieder auf dem Boden. Tierparkleiter Thorsten Dodt musste dem jungen Vogel vorsichtig den richtigen Weg zeigen. Erst dann verschwand der Uhu zwischen den Bäumen.

Der zweite machte es dem Team noch schwerer. Er flog zunächst nur einige Meter weit, setzte sich mitten auf das Feld und blieb dort sichtbar erstaunt sitzen. Beim nächsten Versuch drehte er sogar in die falsche Richtung ab und landete auf einem benachbarten Acker.

Dort wurde es plötzlich ernst. Krähen und ein Bussard kreisten über dem jungen Uhu. Der blieb verunsichert am Boden. Laura Dodt machte sich deshalb erneut auf den Weg, um ihm noch einmal Starthilfe zu geben. Schließlich gelang auch ihm der Flug in ein nahe gelegenes Waldstück.

Dass der Start in die Freiheit etwas holprig verlief, war für die Fachleute nicht völlig überraschend. Die Uhus waren nach ihrer Rettung zunächst in einer kleineren Voliere untergebracht und später gemeinsam in eine größere Flugvoliere umgesetzt worden. „Sie müssen sich deshalb auch erst einmal daran gewöhnen, Langstrecken zu fliegen“, erklärte Thorsten Dodt. Die Voraussetzungen für ein Leben in der Natur seien aber gut. „Sie fliegen gut und haben auch gut Futter, um die ersten Tage sogar ohne Nahrung zu überstehen.“

Trotzdem beginnt für die beiden jetzt der schwierigste Teil. Sie müssen lernen, selbst Beute zu machen, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und sich gegen andere Tiere zu behaupten. „Sie müssen jetzt lernen, sich in der Natur durchzusetzen“, sagte Dodt.

Dass die Uhus überhaupt so weit gekommen sind, ist einer ungewöhnlichen Rettungsaktion zu verdanken: Im Frühjahr hatte ein Uhu-Paar einen Falkennistkasten am Westfalen Weser-Kraftwerkgebäude in Kirchlengern besetzt. Seit mehr als 20 Jahren brüten dort normalerweise Wanderfalken. Für deren Nachwuchs ist der Platz in rund 30 Metern Höhe kein Problem. Junge Wanderfalken können bereits fliegen, wenn sie das Nest verlassen.

Bei Uhus sieht das anders aus. Die Jungtiere verlassen ihr Nest schon früh, obwohl sie noch nicht flugfähig sind. Normalerweise klettern sie dann über Äste, Felsen oder den Waldboden. An der glatten Fassade des Kraftwerks hätte dieser erste Ausflug jedoch mit einem freien Fall auf harten Untergrund geendet.

Weil eine Rettung von außen nicht schnell genug möglich war, musste das Team von innen an den Kasten heran. Eine Drohne wurde eingesetzt, um den Altvogel vom Nest wegzulocken. Anschließend griffen Laura Dodt und Celine Jung durch eine nur handgroße Öffnung in den Kasten und holten die Jungtiere praktisch blind heraus.

Die beiden kamen in die Auffangstation des Tierparks Herford. Dort werden jedes Jahr zwischen 60 und 80 Greifvögel versorgt. Die Uhus entwickelten sich gut, wurden kräftiger und fraßen gemeinsam täglich sechs Küken, sechs Mäuse und zwei Ratten. Nun leben sie wieder dort, wo sie hingehören.