DAS WAR´S! Bürgermeister Thomas Meyer verabschiedet sich ganz privat

Nach seiner Amtszeit war Thomas Meyer zehn Jahre lang das Gesicht der Widukindstadt Enger. Er hat Ratsbeschlüsse angestoßen, Projekte umgesetzt, war bei Festen, Krisen und offiziellen Terminen präsent. Doch bald ist Schluss – er tritt nicht mehr zur Wahl an. Ein Gespräch über bewegende Momente, schwierige Entscheidungen und die Frage, warum der Bürgermeister von Benjamin Blümchen manche Termine für ihn erschwert hat.

Das große Büro in der obersten Etage des Rathauses ziert eine lange Wand mit Büchern und Ordnern. An dem schweren Schreibtisch sind neben großen Papierablagen ein paar Familienbilder zu sehen und ein Schild des Fußballvereins Borussia Mönchengladbach. Vor ihm ein großer runder Besprechungstisch, an dem vermutlich schon unzählige Menschen gesessen haben. Mit Fragen, Problemen oder Lösungsvorschlägen.

Thomas Meyer schenkt sich Kaffee ein, den seine Assistentin Carmen Hensel ihm mit ein wenig Gebäck auf den Tisch stellt. „Und die Überschrift soll wirklich DAS WAR`S lauten? Also eigentlich ist es ja noch zu früh, mich zu verabschieden, schließlich bin ich noch bis Oktober im Amt. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich jetzt bereits die Hände in den Schoß lege und meine Tätigkeit langsam ausklingen lasse.” Er lehnt sich zurück und atmet tief durch. Seine schmale Brille in der Hand geht er die Interviewfragen durch: „Dann werde ich mal sehen, ob ich diese doch eher privaten Fragen beantworten kann – oder will“, sagt er mit einem Lachen.

Ich wollte etwas bewegen

Thomas Meyer, 54 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern, stammt aus Westerenger und ist tief mit seiner Heimat verbunden. „Ich bin als Nesthäkchen in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen“, sagt er. „Es waren damals andere Zeiten und es war noch nicht selbstverständlich, dass wir vier Kinder aufs Gymnasium gingen. Dort waren wir zu der Zeit umgeben von vielen Kindern aus Akademiker-Haushalten als wir unser Abitur gemacht haben. Das hat meine Sicht auf soziale Gerechtigkeit sehr geprägt: Ich wollte Chancengleichheit.“ 1989 trat er in die SPD ein. 

Nach seinem dualen Studium zum Dipl.-Verwaltungswirt und später durch ein berufsbegleitendes Studium zum Dipl.-Verwaltungsbetriebswirt fand er früh seinen Weg ins Rathaus. Doch dass er einmal Bürgermeister werden würde, war nie ein bewusster Plan. „Politik war immer ein Thema für mich, mein Vater war jahrelang für die SPD im Stadtrat und war mir schon menschlich ein Vorbild, da er sich immer sehr eingesetzt hat“, erklärt Meyer. „Aber Bürgermeister zu werden, war nie mein Ziel.“

Der entscheidende Moment kam, als der damalige Bürgermeister Klaus Rieke ihn eines Tages zur Seite nahm. „Zu diesem Zeitpunkt war ich auch bereits seit 2009 Ratsmitglied und Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat und hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was auf mich zukommen könnte. Er hat mir aber die Möglichkeit gezeigt, als Bürgermeister selbst etwas zu bewegen. Das war der Moment, an dem ich beschlossen habe, es zu wagen.“ Die Kombination aus politischem Engagement und der Möglichkeit, die Stadt aktiv mitzugestalten, war es, die ihn motivierte, den Schritt ins Bürgermeisteramt zu gehen. Eine Entscheidung, die seinen Alltag und sein Leben auf den Kopf stellte – im positiven wie im herausfordernden Sinne.

Als Vater einer 18-jährigen Tochter und eines 21-jährigen Sohns hat Thomas Meyer als Bürgermeister seine Familie immer so gut es geht aus der Öffentlichkeit heraus gehalten. Foto: Privat

Doch warum endet diese Zeit nun? Warum nicht noch eine Amtszeit? „In den vergangenen zehn Jahren gab es privat wenig Zeit für etwas anderes“, erklärt er ehrlich. Es seien persönliche Gründe, die sich in vielen Jahren angebahnt haben, denn manchmal sind es eben keine großen Skandale oder Krisen, sondern kleine, persönliche Erkenntnisse, die eine Entscheidung besiegeln: „So wie ich das Amt immer ausfüllen wollte – immer präsent als Bürgermeister und mittendrin – das nimmt viel Zeit in Anspruch und die eigene Familie muss das mitmachen und viel zurückstecken.“

Auch seine Kinder haben in den Jahren einige Male in der Schule erfahren müssen, dass manche seiner Entscheidungen nicht überall gut ankommen. „Man muss sich auch vor jeder Wahl die Frage stellen: Will ich das noch? Und dieses Mal kann ich für mich sagen, ich möchte privat und beruflich einfach noch einmal andere Schwerpunkte setzen.“

Ein Abschied vom Amt als Oberhaupt von Rat und Verwaltung ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern auch eine, die das engste Umfeld mitträgt. Seine Frau und seine Kinder unterstützen ihn auf seinem neuen Weg und sind über die Veränderung auch ein Stück weit dankbar. Auch sein Freundeskreis reagierte anerkennend auf die Entscheidung: „Sie haben auch gesehen, was das Amt mit einem macht, denn die Jahre gehen nicht einfach spurlos an einem vorbei – dieser Job nimmt einfach sehr viel Raum ein.“

Man ist nicht Everybody`s Darling

Wie prägt ein Amt wie dieses das eigene Leben? „Die vergangenen zehn Jahre haben mich sehr verändert. Ich kann wesentlich besser vor Menschen sprechen, argumentieren und mit Kritik umgehen. Ein dickeres Fell hat mir die Amtszeit auch mitgegeben“, weiß er. „Man muss mit den Jahren lernen: Man ist als Bürgermeister nicht Everybody`s Darling.“

Nach so langer Zeit stellt sich die Frage: Was bleibt? „Ich denke, besonders gelungen ist mir der Umgang im Stadtrat miteinander. Ich habeimmer eine respektvolle politische Diskussionskultur erlebt“, sagt er mit Blick auf die Politik. Kitalandschaft, Sportplätze, Pumptrack und Digitalisierung an den Schulen – Familienthemen seien ihm bei Entscheidungen immer besonders wichtig gewesen.

„Mir persönlich war es immer wichtig, alle vier Grundschulstandorte auch halten zu können, denn ich sehe sie auch als Kommunikationstreffpunkte für die Familien in den einzelnen Stadtteilen.“ Besonders am Herzen lag ihm die Stadtentwicklung, die jetzt mit den ISEK-Maßnahmen beginnt. „Ich finde das neue Innenstadtkonzept ist ein sehr wichtiger Schritt für Enger und ich finde es gut, dass mir das in meiner Amtszeit gelungen ist.“

Doch Bürgermeister sein bedeutet auch, schwierige Entscheidungen zu treffen. „Ich hätte mir gewünscht, ich hätte weniger Krisen erleben müssen“, gibt er offen zu und überlegt einen Moment, wie er die schwierigen Zeiten in Worte fassen kann. Politik ist nicht nur die Summe guter Nachrichten – manchmal sind es harte Entscheidungen, die eine Amtszeit prägen: 2015 die erste Flüchtlingssituation, 2020 Corona, gefolgt vom Ukraine-Krieg und der angespannten Energie-Situation. Besonders die Corona-Pandemie stellte ihn und die gesamte Stadtverwaltung vor große Herausforderungen. 

„Borussia Mönchengladbach ist unser Herzensverein. Hier sind mein Sohn Florian und ich beim Fußball im Borussia-Park.” Obwohl die Kinder ihren Vater in den letzten Jahren oft entbehren mussten, spürt man den großen Zusammenhalt in der Familie Meyer.

Es gab Momente, da habe ich mich gefragt: Was tust du hier gerade?

„Es gab Momente, da habe ich mich gefragt: Was tust du hier gerade?“, erinnert er sich zurück. „Die Entscheidungen, die wir treffen mussten – etwa die Absage des Kirschblütenfests, die Einführung von Ausgangssperren – hatten massive Auswirkungen auf das Leben in Enger und schnitten drastisch in das Grundrecht der Menschen ein.“ Doch in der damaligen Situation blieb keine Zeit für langes Abwägen. „Man musste handeln. Und das tut einem schon weh, wenn man weiß, dass solche Entscheidungen existenzielle Auswirkungen haben.“ 

Mit dem Wissen von heute sieht Thomas Meyer auch viele Entscheidung, die rückblickend falsch waren. „Doch in dem Moment galt erst einmal nur: Es muss irgendwie entschieden werden. Wenn Mitarbeiter am Telefon wissen wollten, wie sie damit umgehen sollen, brauchten sie schnellstmöglich eine Antwort und jemanden, der die Verantwortung dafür übernimmt.“

Auch den Bebauungsplan des Sieler Wegs hätte er gerne stärker vorangetrieben: „Das Thema Wohnen bewegt mich sehr. Ich sehe einfach großen Handlungsbedarf in unserer Stadt für bezahlbaren Wohnraum.“ 

Gibt es eine Geschichte aus dem Nähkästchen, die das Rathaus eigentlich nicht verlassen sollte? „Naja, vor meiner Zeit als Bürgermeister habe ich als Sachbearbeiter mal aus Versehen 100 Meter Straße für die Stadt Spenge sanieren lassen“, erzählt er lachend. „Die Kosten meines Irrtums wurden uns anschließend aber wieder von der Stadt Spenge erstattet.”

Da waren wir – Nachts im Autoscooter

„So ein paar Geschichten gibt es sicher. Aber eine, an die ich immer wieder gerne denke, ist die vor dem Kirschblütenfest.“ Er lehnt sich zurück und grinst: „Nach einer Vorbesprechung saßen wir am Abend vor der Eröffnung noch mit der Kaufmannschaft, ein paar Ratsmitgliedern, dem KuV und den Schaustellern zusammen und tranken das ein oder andere Getränk. Irgendwann meinte einer: ‚Ach komm, wir probieren mal den Autoscooter aus!‘ Und dann saßen wir da – mitten in der Nacht, vor der offiziellen Eröffnung – im blinkenden Karussell und sind lachend gegeneinander gefahren.” Er muss dabei selbst laut lachen. „Das war ein Moment, den man so schnell nicht vergisst.“ Auch die Polizei soll aus Verwunderung an diesem Abend um die Ecke geschaut haben: „Sowas passiert wahrscheinlich nur in einer Kleinstadt!“

Ein besonderes Highlight für Thomas Meyer war das gemeinsame Anschwimmen im Gartenhallenbad – stilecht in Badehose – mit dem damaligen Betriebsleiter Thomas Holz. Anlass war das zehnjährige Jubiläum sowie die feierliche Wiedereröffnung nach der umfassenden Sanierung im Jahr 2016. „Ich bin am Eröffnungstag direkt vom Dreier gesprungen“, sagt er und fängt jetzt herzlich an zu lachen.

Für Thomas Meyer beginnt im Herbst ein neuer Lebensabschnitt: „Die Begegnung mit den vielen verschiedenen Menschen werde ich schon sehr vermissen. Wenn Familien mir die Türen öffnen und ich auf Jubiläen und Familienfeiern herzlich empfangen werde – das ist etwas ganz Besonderes für mich in diesem Amt, was nicht jeder Mensch erleben darf.

Selbst in seiner Freizeit beim Sport lässt ihn sein Amt nicht los – denn dort ist er immer auch Ansprechpartner. Foto: Jana Göb

Fremdgesteuert zu sein, also einen Arbeitstag zu haben, der zu 90% durchgetaktet ist, das wird jedoch etwas sein, was er nicht vermissen wird. „Ich freue mich einfach auf mehr Freiheiten“, eine ehrliche Bilanz nach, einer Dekade am Schreibtisch des Bürgermeisters.

Ein Dorn im Auge war ihm auch immer der Bürgermeister von Benjamin Blümchen. „Oft habe ich Kinder bei Terminen gefragt: ‚Wisst ihr denn, wer ich bin?‘ Und wenn sie dann sagten: ‚Ja klar, wie der Bürgermeister von Neustadt!‘, war es mir wichtig, direkt klarzustellen: ‚Nein, so ist das nicht!‘“, sagt Thomas Meyer mit einem schmunzelnden Blick. „Ich wollte nicht der Bürgermeister sein, der hinter einem Schreibtisch sitzt, Befehle erteilt und seinen Sekretär rund macht. Das Bild, das viele Kinder von einem Bürgermeister bekommen, das wollte ich einfach zurechtrücken.“

Wenn man ihn fragt, in welchem Film er sich seine Amtszeit aber dann vorstellen würde, so überlegt er kurz. „Ich wünsche mir auf manche Dinge im Rückblick mit mehr Lockerheit zu schauen, deshalb wäre es wohl am besten eine Komödie. Vielleicht gespielt von Bjarne Mädel – den finde ich ganz gut“, sagt er. „Auf keinen Fall Till Schweiger, das steht fest“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Wenn er einen Wunsch frei hätte, was würde er sich für Enger wünschen? „Wir brauchen schlicht mehr Geld. Uns fehlt die Kohle und alle Möglichkeiten hängen daran.“ Auch wünscht er sich, dass nach dem Stadtumbau alle Engeraner zufrieden seien und durch die Stadt gehen und sagen „das war eine super Idee“. Für die politische Landschaft wünscht er sich weniger extreme Wähler. 

Thomas Meyer bei seiner Einschulung in Westerenger. Foto: privat

Ist der Abschied ein endgültiger Rückzug aus der Politik? „Ich möchte nicht mehr im Stadtrat sitzen“, sagt er. „Aber ich bin natürlich weiterhin politisch interessiert. Politik gehört einfach zu mir.“ Noch hat er keinen neuen Job in Aussicht, aber viele Ideen für Ehrenämter in Enger. „Ich freue mich darauf, wieder mehr Zeit für meine Familie zu haben, mehr Sport zu treiben und meine Freizeit besser zu gestalten.“ Besonders das Gärtnern und Fahrradfahren steht auf seiner Liste ganz oben. „Das sind Dinge, die ich in den letzten Jahren viel zu selten gemacht habe.”

Punk, Rock und Indie

„Und Musik hören!“, fügt er schnell hinzu. „Privat höre ich eher alternative Klänge – Rock, Punk, Indie.“

Obwohl er als Bürgermeister zufrieden ist, vieles angestoßen und umgesetzt zu haben, wird Thomas Meyer keine große Abschiedsparty veranstalten. „Das liegt einfach nicht in meinem Naturell“, sagt er. „Aber ich freue mich darauf, mich in Ruhe von allen zu verabschieden.”

Seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin gibt er einen einfachen, aber ehrlichen Tipp mit auf den Weg: „Als Bürgermeister muss man authentisch sein und darf keine Rolle spielen, das merken die Menschen ziemlich schnell.“ Als Bürgermeister ist man auch ein Teamplayer, denn es sei wichtig seiner Mannschaft im Rathaus zu vertrauen – und: „Sich immer gut mit der Assistentin stellen, damit die Versorgung mit Kaffee, Tee – und vor allem Süßigkeiten gut und beständig funktioniert. Auf keinen Fall unterzuckern, denn das macht schlechte Laune, die kann man nicht gebrauchen.”

Nach einem Jahrzehnt verabschiedet sich Thomas Meyer im Oktober aus dem Bürgermeisteramt. Was bleibt, ist eine Stadt, die er mitgeprägt hat – und eine Zukunft, die nun in neuen Händen liegt. Ein Schreibtisch, an dem neue Bilder aufgestellt werden. Und Enger sagt im Herbst dann eben ohne große Party: Mach’s gut, Thomas. 

Interview: Jana Göb