
Fünf Jahre lang war PUR:PRODUKT am Kirchplatz ein Laden der sehr viel Herz nach Enger brachte. Hier wurden Nudeln in Gläser gefüllt, Kuchen geteilt, Geburtstage gefeiert und ziemlich viele Stunden ehrenamtlich gearbeitet. Jetzt ist klar: Der Engeraner Unverpacktladen schließt zum 30. November. Die Entscheidung fiel erst am Freitagabend. Nach einer langen Sitzung, letzten Ideen und der Frage, ob es nicht doch irgendwie weitergehen kann.
Es gibt diese Sitzungen, in die man geht, obwohl man eigentlich schon ahnt, wie sie enden könnten. Am Freitagabend saßen die 16 Gesellschafter von PUR:PRODUKT noch einmal zusammen. Es wurde gerechnet, gesprochen, überlegt. Noch einmal kamen Ideen auf den Tisch. Was könnte man verändern? Was verkleinern? Was neu denken? Könnte eine andere Ausrichtung funktionieren? Gibt es irgendwo noch eine Stellschraube, an der man drehen kann?
Am Ende blieb keine mehr. Die roten Zahlen ließen keine andere Entscheidung zu. PUR:PRODUKT schließt am 30. November. Und damit trifft die Engeraner Innenstadt innerhalb kurzer Zeit die nächste Nachricht von einem Geschäft, das gehen wird.
Bei PUR:PRODUKT wiegt sie vielleicht auch deshalb so schwer, weil dieser Laden nie einfach nur ein Geschäft sein wollte. Als am 5. August 2021 zum ersten Mal die Türen öffneten, steckte hinter den Regalen mit Reis, Müsli und Nudeln eine ziemlich große Idee für eine kleine Stadt. Entstanden war PUR:PRODUKT aus der örtlichen Initiative „Zukunft ohne Plastik“. 16 Gesellschafter hatten sich zusammengetan, um nachhaltigen Konsum nicht nur zu fordern, sondern mitten in Enger möglich zu machen. Gemeinnützig, in Eigenregie und mit einem Bistro als Treffpunkt.
Ein ehemaliges Ladenlokal wurde dafür baubiologisch saniert und eingerichtet. Fördermittel, Spenden und viel eigenes Engagement machten den Start möglich. Auf rund 50 Quadratmetern entstand ein Sortiment mit fast 1000 Produkten des täglichen Bedarfs. Der Anspruch ging aber von Anfang an über Müllvermeidung hinaus: PUR:PRODUKT sollte gleichzeitig Leerstand beseitigen, die Innenstadt stärken und ein Ort für Begegnung sein.
Menschen kamen mit Gläsern und Stoffbeuteln und blieben auf einen Kaffee. Im kleinen Bistro wurde gequatscht, draußen vor dem Laden gefrühstückt. Beim Kirschblütenfest und beim Abendmarkt gehörte PUR:PRODUKT dazu. Aus Kunden wurden Stammkunden. Aus gemeinsamer Arbeit entstanden Freundschaften. Vor allem aber entstand etwas, das sich schlecht in einer Bilanz abbilden lässt: Nachbarschaft. Genau deshalb fiel am Freitagabend die Entscheidung so schwer. Bei einigen der Gesellschafter standen nicht nur sprichwörtlich Tränen in den Augen. Denn an Einsatz hat es diesem Projekt nie gefehlt.
Fünf Jahre PUR:PRODUKT waren auch fünf Jahre mit ziemlich viel Gegenwind. Eröffnet wurde 2021 noch im Pandemieumfeld. Schon 2022 berichtete der Laden über wirtschaftlich schwierigere Zeiten für die Unverpackt-Branche. Zuletzt waren die Umsätze erneut eingebrochen, ein Mottenbefall legte den Laden zeitweise lahm, gleichzeitig fielen Helfer und Mitarbeiter aus. Noch Ende August hatte das Team öffentlich nach Ideen gesucht, um eine Schließung vielleicht doch abzuwenden.
Bis zuletzt also die Frage: Geht da noch etwas? Seit Freitag Abend lautet die Antwort: nein.
Nicht, weil niemand mehr an die Idee glaubt. Sondern weil irgendwann auch eine Herzensangelegenheit ihre Rechnungen bezahlen muss. „Wenn es großer Spenden bedürfte, um zu überleben, dann ist solch eine Gemeinschaftsvision leider nicht mehr tragfähig“, fasst das Gesellschafterteam seine Entscheidung zusammen.
Und dann ist da die große Angst, die aktuell viele Unternehmer beschäftigt, wenn in Enger über die Zukunft von Innenstadtgeschäften gesprochen wird: ISEK. Fast zwei Jahre Bauzeit stehen bevor. Für PUR:PRODUKT bedeutet das nicht einfach nur Baulärm vor der Tür. „Ein Teil des Konzeptes funktioniert ganz konkret draußen. Lebensmittel und Waren werden bislang vor dem Schaufenster präsentiert, weil im kleinen Laden selbst kaum zusätzlicher Platz vorhanden ist. Mit Baustaub direkt vor der Tür fällt diese Möglichkeit weg“, erklären die Gesellschafter, die vor allem von Nachbarschaft und Laufkundschaft leben.
Auch der Außenbereich des Bistros würde verschwinden. Dort, wo normalerweise Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und gefrühstückt wird, wären während der Bauarbeiten weder Platz noch die Atmosphäre dafür vorhanden. Das Team geht deshalb von extremen finanziellen Einbußen aus. Und nach fünf Jahren voller Improvisieren, Anpacken und Durchhalten ist dafür schlicht keine Energie und keine finanziellen Rücklagen mehr da. Auch wie der Laden beliefert werden solle, ist für alle Gesellschafter unklar.
Das ist die rationale Seite dieser Entscheidung. Die andere zeigt sich Freitagabend am Tisch der Gesellschafter. Denn mit dem Laden endet eben auch ein Stück gemeinsamer Alltag. Hunderte ehrenamtliche Stunden stecken in PUR:PRODUKT. Menschen haben Regale eingeräumt, Veranstaltungen organisiert, Kuchen gebacken, beraten, verkauft und Ideen entwickelt. Sie haben ein Konzept getragen, das für einen klassischen Einzelhändler vermutlich längst viel zu aufwendig gewesen wäre.
PUR:PRODUKT funktionierte fünf Jahre lang auch deshalb, weil Menschen mehr hineingesteckt haben als Arbeitszeit. Aber auch die beste Idee braucht genügend Menschen und Infrastruktur. Bis zum 30. November bleibt dafür noch Zeit. Der kleine Laden PUR:PRODUKT war fünf Jahre lang Teil von Enger. Nicht irgendeine große Handelskette. Kein austauschbares Konzept. Sondern 16 Menschen, eine Idee und ziemlich viel Arbeit.
