
Engers Innenstadt soll schöner werden. Moderner, grüner, lebenswerter. Das klingt gut. Eigentlich sogar genau richtig. Doch während die Stadt an der Zukunft des Zentrums plant, kämpfen diejenigen ums Überleben, die ihm heute überhaupt noch Leben geben.
Die Zeiten für den Einzelhandel sind hart. Das Onlinegeschäft wächst, Personal fehlt, Kosten steigen und nach Jahren voller Krisen sitzt das Geld bei vielen Menschen nicht mehr so locker. Wer heute einen Laden führt, braucht Ausdauer, Mut und wahrscheinlich eine ziemlich hohe Frustrationstoleranz.
Und ausgerechnet in dieser Situation kommt nun eine XXL-Baustelle.
Natürlich muss eine Kommune Fördermittel nutzen, wenn sie sich dafür qualifiziert. Die städtischen Kassen sind leer, große Investitionen aus eigener Kraft kaum noch möglich. Wenn sich die Chance bietet, Millionen in die Innenstadt zu holen, kann eine Stadt sie nicht einfach verstreichen lassen. Das wäre fahrlässig.
Doch ebenso fahrlässig wäre es, nur auf das spätere Ergebnis zu schauen und auszublenden, was auf dem Weg dorthin verloren gehen könnte.
Was nützt Enger eine aufpolierte Innenstadt, wenn die Händler die jahrelange Sanierung nicht überstehen? Was bringt mehr Aufenthaltsqualität, wenn es immer weniger Gründe gibt, sich dort aufzuhalten? Und welche neuen Unternehmer sollen sich später in einem Zentrum ansiedeln, in dem die gewachsene Nachbarschaft aus Geschäften längst verschwunden ist?
Eine Innenstadt lebt nicht von Pflastersteinen, Bäumen und Sitzbänken allein. Sie lebt von Menschen, die morgens ihre Ladentür aufschließen. Von Beratung, Begegnung und persönlichen Gesprächen. Von Geschäften, die einander Kunden bringen und gemeinsam dafür sorgen, dass überhaupt jemand durch die Straßen schlendert.
Genau diese Struktur beginnt zu bröckeln. In Enger gibt es schon jetzt lang andauernde Leerstände. PUR:PRODUKT schließt. Strack gibt vorzeitig auf. Weitere Unternehmer suchen nach Standorten in anderen Städten. Andere überlegen, ihre Filiale in Enger ganz zu schließen. Das sind keine theoretischen Warnungen für irgendwann. Der Rückzug hat bereits begonnen.
Als Ausweichmöglichkeit wurde den betroffenen Händlern unter anderem eine gemeinsame Markthalle im ehemaligen Ernsting’s-family-Ladenlokal angeboten. Auf dem Papier mag das kreativ klingen. Für viele Betriebe ist die Idee jedoch wirtschaftlich und praktisch kaum überzeugend. Ein Geschäft lässt sich nicht wie ein Möbelstück vorübergehend umstellen. Jeder Umzug kostet Geld, Zeit und Sichtbarkeit. Kundschaft muss den neuen Standort erst annehmen. Dazu kommen Fragen nach Fläche, Laufwegen, Lagerung und dem eigenen Profil. Eine klitzekleine Markthalle ist kein Rettungsring, nur weil mehrere Geschäfte darin Platz finden könnten.
Noch größer ist die Sorge, dass Enger einen seiner wichtigsten Vorteile verspielt: das unkomplizierte und kostenlose Parken.
Enger ist keine Großstadt. Viele Kunden kommen aus Pödinghausen, Dreyen, Siele, Besenkamp und den umliegenden Ortsteilen. Sie können die Innenstadt längst nicht von überall sicher, lückenlos und bequem mit dem Fahrrad erreichen. Wer weniger Autos im Zentrum möchte, muss deshalb zuerst echte Alternativen schaffen. Sichere Radwege, gute Verbindungen und Lösungen, die auch für ältere Menschen, Familien und Einkäufe funktionieren. Erst die Parkmöglichkeiten zu erschweren und darauf zu hoffen, dass sich das Verhalten anschließend schon ändern wird, ist keine Verkehrswende. Es ist ein Experiment. Und das Risiko tragen vor allem die Händler.
Auch geplante Parkplätze, die durch ihre Anordnung das Einparken komplizierter machen, sorgen für Unverständnis bei nahezu allen Einzelhändlern. Gerade die Unternehmer vor Ort wissen sehr genau, wie ihre Kundschaft tickt. Sie erleben jeden Tag, warum Menschen kommen, was sie einkaufen und wann sie weiterfahren. Dieses Wissen darf nicht nur angehört werden. Es muss erkennbar in die Planung einfließen.
Denn die Katze beißt sich längst in den Schwanz: Die Stadt saniert das Zentrum, um seine Zukunft zu sichern. Gleichzeitig könnte genau diese Sanierung dazu beitragen, dass ein Teil derer verschwindet, für die sie eigentlich gedacht ist.
Vielleicht wird Engers Innenstadt am Ende tatsächlich schöner. Vielleicht entstehen attraktive Plätze, mehr Grün und neue Aufenthaltsqualität. Doch wenn bis dahin entscheidende Geschäfte aufgegeben haben, bleibt eine hübsche Kulisse mit leeren Schaufenstern. Wird sich in den zwei Jahren das Kaufverhalten längst weiter aus Enger heraus verlagert haben?
Und sollte sich die Innenstadt langfristig tatsächlich von einem Einkaufsort zu einem überwiegend bewohnten Quartier entwickeln, muss auch eine unbequeme Frage erlaubt sein: Für wen schaffen wir dann eigentlich all diese Aufenthaltsqualität?
Noch ist es nicht zu spät. Doch die Stadt muss die Sorgen der Unternehmer jetzt als das behandeln, was sie sind: keine lästige Begleitmusik zur Baustelle, die man mit unwirtschaftlichen Ideen beschwichtigen kann, sondern eine Warnung.
Sonst könnte Enger am Ende eine Innenstadt bekommen, die schöner aussieht als je zuvor und sich trotzdem leerer anfühlt als jemals zuvor.
Ein Kommentar von Jana Göb
