
Eigentlich sollte es ein Abschied voller Dankbarkeit werden. Nach 33 Jahren an der Spitze des Turnvereins Concordia Enger wollte sich Gerhard Feldmann am vergangenen Sonntag von seinem Amt als erster Vorsitzender verabschieden. Die Aula der Realschule war vorbereitet, Blumen standen bereit, das Catering war bestellt, Interviews über sein Lebenswerk im größten Sportverein der Widukindstadt waren geplant. Alles deutete auf einen würdigen Schlusspunkt einer außergewöhnlichen Vereinskarriere hin.
Doch innerhalb weniger Tage entwickelte sich daraus eine Geschichte, die viele Mitglieder später als „Drama“, andere als „Demokratie in Reinform“ und wieder andere als die größte Zerreißprobe der vergangenen Jahrzehnte bezeichnen sollten.
Am Ende blieb Feldmann doch wieder im Amt. Doch die vier Tage vor der Mitgliederversammlung haben Spuren hinterlassen.
Doch was ist passiert? Der geplante Generationenwechsel
Die Nachfolge schien zunächst geregelt.
Als möglicher neuer Vorsitzender war Nils Wörmann vorgesehen. Der Geschäftsführer des Kreissportbundes Herford hatte sich nach Angaben mehrerer Beteiligter selbst bei Feldmann gemeldet. Der Sportwissenschaftler trat eigens in den TVC ein und wurde in den vergangenen Monaten intensiv auf die Aufgabe vorbereitet.
In einer späteren E-Mail, die der Redaktion vorliegt, beschreibt Wörmann seine Motivation so: Er habe seine „fachliche Expertise als Sportwissenschaftler“, seine berufliche Erfahrung als Geschäftsführer des Kreissportbundes sowie seine mehr als 25-jährige Erfahrung in Vereins- und Verbandsarbeit einbringen wollen. Sein Ziel sei gewesen, „den Gesamtverein mit seinen Abteilungen, Strukturen und Menschen weiterzuentwickeln“. Dabei sei es ihm ausdrücklich nicht um ein Amt gegangen, sondern um „eine sachliche, verlässliche und zukunftsorientierte Arbeit für den gesamten TVC Enger“.
Doch während die Vorbereitungen für den Wechsel liefen, regte sich innerhalb des Vereins Widerstand. Immer häufiger wurde die Frage gestellt, ob Wörmann die richtige Person sei, um einen Verein mit rund 1.680 Mitgliedern in die Zukunft zu führen. Denn Viele Mitglieder waren mit der neuen Führungsperson des Vereins mehr und mehr unzufrieden.
Nachtrag: Nils Wörmann war bereits von 2002 bis 2014 hauptberuflich als Vereinssportlehrer beim TVC angestellt. Hier initiierte er unter anderem die Kindersportschule, Konditionsgymnastik, Ferienspiele und vieles mehr. In der Zeit von 1988 bis 2000 war er außerdem Mitglied der Squashabteilung.
Eine Alternative entsteht
Parallel dazu gewann ein anderer Gedanke an Fahrt. Immer mehr Mitglieder brachten Jennifer Kapiza ins Gespräch. Die 28-Jährige ist seit ihrer Kindheit mit dem Verein verbunden, gründete gemeinsam mit Feldmann den Kinderturnclub, wurde später Vorsitzende des Jugendvorstands und arbeitet seit drei Jahren als Vereinssportlehrerin für den TVC.
Doch genau diese Personalie entwickelte plötzlich eine Eigendynamik. Da Kapiza in Elternzeit gehen wird und damit zeitweise nicht als hauptamtliche Mitarbeiterin tätig ist, hielten viele Mitglieder den Zeitpunkt für geeignet, sie unmittelbar an die Vereinsspitze zu wählen. Was zunächst als Gedankenspiel begann, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem alternativen Vorstandskonzept.
Die Angst vor einer Kampfabstimmung
Die Nachricht erreichte alle Beiteiligten auf der erweiterten Vorstandssitzung ein paar Tage vor der Mitgliederversammlung. Für einige Mitglieder war die Aussicht auf eine Kampfkandidatur ein Schock. Eine offene Konkurrenzwahl um den Vorsitz sei im TVC bislang unüblich gewesen und passe nicht zur Tradition des Vereins, war mehrfach zu hören. Andere sahen die Situation völlig anders.
Vor allem viele Frauen und jüngere Mitglieder begrüßten die Idee ausdrücklich. Sie wollten den Mitgliedern die Möglichkeit geben, zwischen unterschiedlichen Zukunftsmodellen zu wählen. Immer wieder fiel dabei der Wunsch nach einer jüngeren und erstmals weiblichen Führungsspitze aus den eigenen Reihen.
Aus einer Personalentscheidung wurde innerhalb weniger Tage eine Grundsatzdebatte über die Zukunft des Vereins. Mehrere Mitglieder berichteten der Redaktion, dass verschiedene Lager aktiv neue Mitglieder mobilisierten, um sich für die anstehende Abstimmung zusätzliche Stimmen zu sichern. Zudem sollen mehrere Mitgliedergruppen die Wahl verweigert haben, bei einer offenen Wahl aus „Angst vor möglichen Konsequenzen innerhalb des Vereins“, so berichten einige Mitglieder.
Nils Wörmann zieht die Reißleine
Mitten in dieser aufgeheizten Stimmung zog Nils Wörmann überraschend seine Kandidatur zurück. In seiner E-Mail an Vereinsmitglieder schreibt er, die Ereignisse und Gespräche der vergangenen Tage hätten ihm deutlich gezeigt, „dass die Voraussetzungen für eine tragfähige Zusammenarbeit nicht gegeben sind“. Vorstandsarbeit sei für ihn Teamarbeit, die von „Vertrauen, Offenheit, Loyalität und der Bereitschaft lebt, Verantwortung gemeinsam zu tragen“.
Besonders kritisch äußerte er sich über „das Verhalten einer hauptamtlich beschäftigten Person des Vereins gegenüber dem amtierenden Vorstand“. Wörmann erklärte, unter diesen Umständen sehe er keine ausreichende Grundlage für eine gemeinsame Zusammenarbeit. Er zeigte sich zudem enttäuscht darüber, dass er bei den Fachsportabteilungen nicht mehr Rückhalt für die Entscheidung des alten Vorstands wahrgenommen habe.
Gleichzeitig betonte er, dass er weiteren Schaden vom Verein abwenden und eine Eskalation auf der Mitgliederversammlung vermeiden wolle. Deshalb ziehe er seine Kandidatur mit sofortiger Wirkung zurück. Nach Angaben von Wörmann verlief die Trennung ohne persönlichen Streit. „Es hat sich etwas ergeben, das Gerd Feldmann selbst beenden möchte“, erklärte Wörmann. Zu der Mitgliederversammlung am Sonntag möchte er zudem „nicht anwesend sein“, um einen erneuten möglichen Wahlvorschlag zu vermeiden.
Feldmann kehrt zurück
Mit dem Rückzug Wörmanns stand der Verein plötzlich ohne designierten Nachfolger da. Die Folge war eine überraschende Kehrtwende. Ausgerechnet der Mann, der wenige Tage später verabschiedet werden sollte, stellte sich erneut zur Wahl.
Für Gerhard Feldmann bedeuteten diese Tage eine enorme Belastung. Nach eigenen Angaben habe er „zweimal 48 Stunden keinen einzigen Schlaf bekommen“. Die Tage vor der Mitgliederversammlung seien für ihn „der Horror“ gewesen. Gleichzeitig wuchs die Wahrscheinlichkeit einer direkten Abstimmung zwischen ihm und Jennifer Kapiza. Eine Konstellation, die beide letztlich vermeiden wollten.
Heiße Drähte zwischen den Generationen
Was dann geschah, spielte sich weitgehend hinter den Kulissen ab. Feldmann und Kapiza telefonierten nach eigenen Angaben stundenlang miteinander „bis die Schnüre heiß waren“. Beide wollten verhindern, dass der Verein dauerhaft gespalten wird. Außerdem suchten Sie nach möglichen Wegen, für beide Seiten und Generationen.
Feldmann sagte später offen, er habe nicht gegen Kapiza antreten wollen. Gleichzeitig habe er nicht riskieren wollen, seine letzte Amtshandlung mit einer verlorenen Wahl zu beenden.
Die Lösung war ein Kompromiss für beide Seiten.
Feldmann sollte zunächst noch eine weitere Amtszeit als erster Vorsitzender übernehmen. Jennifer Kapiza sollte als zweite Vorsitzende Verantwortung übernehmen und schrittweise in die Führung des Vereins hineinwachsen. Ein Modell, das beide Seiten miteinander versöhnen sollte.
Eine Mitgliederversammlung wie selten zuvor
Als die Mitgliederversammlung am Sonntag begann, war die Aula ungewöhnlich voll. Viele Mitglieder spürten, dass es nicht um gewöhnliche Vorstandswahlen ging. Noch vor den Abstimmungen sorgte die Handballabteilung für einen Paukenschlag.
Mitja Hildebrand erklärte in seiner Rede, dass er mit den Entwicklungen der vergangenen Tage nicht einverstanden sei. Er kündigte deshalb an, sein Amt als Abteilungsleiter niederzulegen. Die Werte des Vereins müssten wieder stärker in den Vordergrund rücken. Feldmann kommentierte den Schritt knapp: „Das müssen wir akzeptieren.“
Feldmann deutlich bestätigt
Bei der Wahl zum ersten Vorsitzenden erhielt Feldmann breite Unterstützung. Lediglich 23 Mitglieder enthielten sich der Stimme. In seiner Rede machte er deutlich, warum er noch einmal kandidiert hatte. „Bestimmte Dinge haben mich veranlasst, noch einmal anzutreten und den Zustand wieder herzustellen und zu korrigieren“, sagte er vor den Mitgliedern. Kurzfristig wäre der Verein andernfalls „durchgerüttelt worden“.
Damit war die erste Personalfrage geklärt. Die zweite sollte deutlich spannender werden.
Das Wahlkrimi um Jennifer Kapiza
Als Jennifer Kapiza für das Amt der zweiten Vorsitzenden vorgeschlagen wurde, begann der wohl dramatischste Teil des Abends. Im ersten Wahlgang erhielt sie 74 Ja-Stimmen bei 74 Enthaltungen.
Zunächst schien sie gewählt zu sein, weil Finanzvorstand Michael Hammer seine eigene Stimme zu den Ja-Stimmen gezählt hatte. Nach einer Überprüfung stand jedoch fest: Das Ergebnis lautete tatsächlich 75 Ja-Stimmen bei 74 Enthaltungen. Nach der Satzung reichte das dennoch nicht aus, weil eine absolute Mehrheit erforderlich ist. Der Wahlgang musste wiederholt werden.
Dabei zeigte sich deutlich, dass insbesondere die Handballabteilung geschlossen gegen die Kandidatin stimmte. Auf Nachfrage nach den Gründen erklärte ein Mitglied gegenüber der Redaktion: „Das weiß ich selbst nicht. Mir wurde nur gesagt, ich solle hierher kommen und so stimmen.“
Im zweiten Wahlgang fiel das Ergebnis schließlich klarer aus. 76 Mitglieder stimmten für Kapiza, zwei dagegen. Damit war die 28-Jährige gewählt.

Der Kompromiss steht
Anschließend verliefen die weiteren Wahlen deutlich ruhiger. Michael Hammer wurde einstimmig zum Finanzvorstand gewählt. Volleyballer Carsten Petersen übernahm mit lediglich zwei Enthaltungen die Position des Geschäftsführers. Damit stand am Ende ein geschäftsführender Vorstand, der die unterschiedlichen Strömungen im Verein zumindest teilweise zusammenführen soll.
Warum Teile der Handballabteilung Jennifer Kapiza nicht unterstützen wollten, wollte Feldmann nicht weiter öffentlich kommentieren. Er sprach lediglich von einer „persönlichen Geschichte“.
Die eigentliche Herausforderung beginnt jetzt
Die Mitgliederversammlung ist beendet. Die Wahlen sind entschieden. Doch die vergangenen Tage haben gezeigt, dass sich der TVC Enger mitten in einem tiefgreifenden Generationenwechsel befindet.
Die Diskussionen drehten sich dabei nicht nur um Personen. Es ging um die Frage, wie Tradition und Erneuerung zusammenfinden können. Um die Rolle hauptamtlicher Mitarbeiter. Um die Beteiligung der Mitglieder. Und letztlich um die Zukunft eines Vereins, der seit Jahrzehnten eine prägende Rolle im Sportleben der Stadt spielt. Der gefundene Kompromiss verschafft dem TVC zunächst Ruhe.
Fest steht: Aus der geplanten Abschiedsfeier für einen Vereinsvorsitzenden wurde innerhalb von vier Tagen eine der turbulentesten Mitgliederversammlungen der jüngeren Vereinsgeschichte. Und vielleicht auch der Beginn eines neuen Kapitels beim TVC Enger.
