So teuer ist Betreuung jetzt in Enger: Eine Familie rechnet vor

Sanna Schwarzenau ist sauer – schon wieder eine Erhöhung der OGS-Gebühren, dabei werden in Enger die Familien mit mehreren Kindern eh schon für mehrere Betreuungseinrichtungen zur Kasse gebeten. Foto: Jana Göb

Enger und die teure Frage: Wer kann sich Familie noch leisten?

Die Kaffeemaschine blubbert, auf dem Küchentisch liegt Babyspielzeug. „Ich habe extra aufgeräumt, aber mit drei Kindern bleibt es nie lange ordentlich“, sagt Sanna Schwarzenau lachend. Heute ist es ruhig im Haus – die Großen sind in der Schule und im Kindergarten, nur das Baby döst in der Wippe. Ein Moment zum Durchatmen. Und zum Reden über ein Thema, das gerade viele Eltern in Enger beschäftigt: die gestiegenen OGS-Gebühren.

Wenn der Alltag plötzlich 960 Euro teurer wird

Sanna (39) und ihr Mann (40) haben 2022 ein Haus in Enger gekauft – ein Zuhause für ihre Familie. Ihre großen Kinder sind acht und sechs Jahre, das Baby ist sechs Monate alt. Ab August steht eine neue Lebensphase an: Sie kehrt nach der Elternzeit zurück in ihren Job im Bereich Kommunikation und Design. Doch mit dem Wiedereinstieg kommt ein finanzielles Problem auf die Familie zu: Durch eine Fahrtzeit von bis zu einer Stunde zu Terminen in ihrem Job, braucht Sanna eine Betreuung bis nach 14 Uhr. Heißt, die beiden älteren Kinder brauchen einen OGS-Platz, das Jüngste einen U3-Kitaplatz für 45 Stunden. Gesamtkosten? 960 Euro im Monat – inklusive Verpflegung.

„Das ist fast eine komplette Warmmiete“, sagt Sanna kopfschüttelnd. „Und das in einer Stadt, die ohnehin schon hohe Grundsteuern und eine sanierungsbedürftige Grundschule hat.“ Die neuen OGS-Gebühren, die in Enger beschlossen wurden, treffen vor allem Eltern mit mittlerem und höherem Einkommen. Besonders hart wird es für Familien mit mehreren Kindern.

Zwei Kinder in der Offenen Ganztagsbetreuung der Grundschule und ein Kind in der Kita als sogenanntes U3-Kind, die teuerste Option. Familie Schwarzenau trifft es besonders hart bei den Betreuungskosten in Enger. Foto: privat

Andere Städte, andere Lösungen – warum Familien in Enger doppelt zahlen

Während Sanna und ihr Mann die Finanzen jonglieren, wird in den Nachbarstädten das Leben für Familien ein bisschen leichter gemacht. In Bielefeld wird auf die gesamte Familie geschaut – bei mehreren Kindern zahlt man nur für das jüngste, egal ob OGS oder Kita. In Herford zahlen Familien maximal 90 Euro für die OGS-Betreuung und für Familien mit zwei oder mehr Kindern ermäßigt sich der Beitrag auf 50 % für jedes Kind. Heißt, zwei Kinder und trotzdem maximal 90 Euro plus Verpflegung. In Niedersachsen sind Kita-Gebühren ab drei Jahren sogar komplett abgeschafft.

In Enger? OGS und Kita werden getrennt betrachtet. Drei Kinder? Bei Familie Schwarzenau bedeutet das dreimal zahlen. Das zweite Kind wird bei den OGS-Gebühren mit 50% berechnet – das dritte ist dann frei. Dabei zahlen Eltern ab dem Sommer bis zu 235 Euro plus 66 Euro Verpflegung für einen Platz. „Dass ich für jedes Kind einzeln zahle, finde ich nicht fair“, sagt Sanna, „es sollte auf die gesamte Familie geschaut werden.“ Denn die Kosten für die OGS-Gebühren Tabelle findet die Dreifachmama per se nicht zu hoch – nur die fehlende Rücksichtnahme auf die gesamte Familie. Denn viele Eltern haben neben Kindern in der OGS auch noch ein Kitakind, weiß sie.

Arbeiten oder sparen? Eine Entscheidung, die keine sein sollte

Sanna und ihr Mann haben sich lange überlegt, wie sie das finanziell stemmen können. Die Lösung: Sanna reduziert ihre Arbeitszeit auf 20 Stunden pro Woche. Dadurch kann sie einen günstigeren 35-Stunden-Betreuungsplatz buchen – die neuen Gesamtkosten liegen dann bei „nur“ 808 Euro im Monat. Doch das bedeutet auch: 300 Euro netto weniger Gehalt. „Das ist verrückt. Ich arbeite dann 20 Stunden pro Monat weniger und habe dann lediglich 140 Euro weniger – auch weil wir dann in eine andere Gehaltsklasse der Tabellen rutschen. Rechnet sich das am Ende? Nicht wirklich. Aber der Stress ist es mir nicht wert.“

Noch problematischer ist die Übergangszeit von August bis Oktober. In dieser Zeit verdient Sanna noch kein Gehalt – die Familie muss also drei Monate lang fast 1.000 Euro für Betreuung aus Rücklagen zahlen. „Und das, während eh alles teurer wird: Lebensmittel, Energie, Wohnen.“

Die Familie spart, wo es nur geht – nicht nur wegen der hohen Betreuungskosten, sondern auch, um ihr Haus aus den 60ern nach und nach zu sanieren. „Wir nutzen Stoffwindeln, damit wir keine größere Mülltonne brauchen und überlegen jede Anschaffung zweimal“, erzählt Sanna. „Manchmal frage ich mich, wie das andere Familien machen. Oder ob sie es einfach gar nicht machen.“

Enger – familienfreundlich: Nur auf dem Papier?

Die Stadt Enger wirbt mit einem familienfreundlichen Image. Doch die Realität sieht für viele anders aus: Höchste Grundsteuern in der Region. Kaum bezahlbarer Wohnraum für Familien – kaufen ist seit Jahren teuer, mieten fast unmöglich. Steigende Betreuungskosten, die Familien mit mehreren Kindern überproportional belasten. Und auf der anderen Seite die fehlende Sanierung der Grundschule, die Sannas Kinder besuchen.

„Es gibt Fördermittel für die OGS-Ausstattung der Schulen, aber am Ende zahlen trotzdem die Familien wieder mehr Geld“, sagt Sanna. „Warum kein Fördertopf vom Land, der die Familien entlastet?“ Besonders ungerecht findet sie, dass die Beitragsstaffelung bei einem Einkommen von 120.000 Euro für OGS-Gebühren und bei 100.000 Euro für Kita-Gebühren endet – aber wer das Doppelte oder Dreifache verdient, zahlt denselben Betrag. „Das bedeutet, dass bei Menschen mit Top- oder Spitzengehältern die soziale Gerechtigkeit endet. Wie kann das fair sein?“

Geburtenrückgang – ein hausgemachtes Problem?

Während wir uns unterhalten, scrollen wir durch einen Bericht des Statistischen Bundesamtes. Die Zahlen sind alarmierend: Die Geburtenrate in Deutschland ist 2024 erneut gesunken – um 3,1 % im Vergleich zum Vorjahr. Das ist die zweitniedrigste Rate seit 1990.

Immer mehr Paare entscheiden sich gegen ein zweites oder drittes Kind – oder ganz gegen Kinder. Dabei sind Kinder essenziell für das soziale System, für die Wirtschaft, für die Zukunft. „Aber wenn Familien in Städten wie Enger immer stärker belastet werden, ist es kein Wunder, dass sich viele sagen: Dann halt nicht.“

Zwischen Zahlen und Realität

Während das Baby in seiner Wippe zu zappeln beginnt, steht Sanna auf. „Klar, wir kriegen das schon irgendwie hin. Aber es fühlt sich einfach an, als würden wir für die Anzahl der Kinder bestraft werden – dabei heißt es ja immer, dass gerade in Deutschland die Geburten zu gering sind.“

Sie blickt aus dem Fenster, in die ruhige Nachbarschaft, wo andere Eltern wahrscheinlich gerade dasselbe durchrechnen: Wie viel bleibt vom Gehalt, wenn die Betreuung bezahlt ist? Können wir uns das zweite Kind noch leisten?

Die Kaffeemaschine ist längst verstummt. Der Druck auf Familien in Enger nicht.

von Jana Göb