Ist die Ausbildung wieder da?

Das neue Lehrjahr ist gestartet: Unternehmen aus Enger berichten von vielen neuen Azubis, späten Bewerbungen und jungen Menschen, die wieder anpacken wollen

Ein Name wird aufgerufen, ein junger Dachdecker tritt nach vorn. Applaus erfüllt den Saal, aus den Reihen kommen Jubelrufe. Wenig später hält er den Gesellenbrief in den Händen. Ein Blatt Papier, hinter dem Jahre voller früher Morgenstunden, körperlicher Arbeit, Berufsschule und Prüfungsstress stecken. Mit der Lossprechung endet die Ausbildung. Und etwas Neues beginnt.

Obermeister Stefan Lewe (links) aus Enger ist sehr zufrieden mit 27 Gesellenbriefen, die in diesem Jahr an junge Dachdecker vergeben werden durften. (Foto: Jana Göb)

In diesem Jahr gab es bei der Dachdeckerinnung besonders viel zu feiern. 22 Nachwuchskräfte bestanden ihre Sommerprüfung, fünf weitere hatten bereits im Winter erfolgreich abgeschlossen. Damit haben allein in diesem Jahr 27 junge Menschen den Schritt ins Gesellenleben geschafft.

Für Obermeister Stefan Lewe aus Enger sind die Zahlen ein erfreuliches Signal. „Wir merken seit Jahren, dass es wieder bergauf geht“, sagt er. Das Interesse am Dachdeckerberuf nehme wieder zu. An einem Beruf, der körperliches Geschick und technisches Verständnis verlangt, bei dem man Wind und Wetter aushalten muss, am Ende des Tages aber auch ganz konkret sieht, was man geschafft hat. Besonders auffällig: Gleich sechs der frischgebackenen Dachdeckergesellen kommen aus Enger. So viele wie aus keiner anderen Stadt im Einzugsgebiet der Innung. Die Widukindstadt bringt in diesem Jahr also besonders viele junge Menschen hervor, die hoch hinaus wollen.

Ganz so einfach ist die Rechnung allerdings dann doch nicht. Erfahrungsgemäß beginnen rund ein Drittel mehr Nachwuchskräfte die Ausbildung, als sie später tatsächlich beenden, so Stefan Lewe. Einige brechen ab, andere wechseln den Beruf. Ein guter Ausbildungsstart allein reicht deshalb noch nicht.

Dass sich auf dem Ausbildungsmarkt etwas bewegt, zeigt sich nicht nur auf den Dächern der Region. Auch im Einzelhandel ist der Nachwuchs angekommen. EDEKA Wehrmann hat in diesem Jahr 18 neue Auszubildende eingestellt. So viele wie noch nie. Zwei beginnen in Enger, drei weitere im Markt in Spenge.
Dabei sah es lange Zeit gar nicht nach einem Rekordjahr aus. „Zuerst hatten wir in diesem Jahr sehr wenige Bewerbungen, aber auf den letzten Drücker kamen dann noch zahlreiche hinzu“, berichtet Geschäftsführerin Julia Wehrmann-Rensch. Ihre Beobachtung: „Die Jugendlichen legen sich später fest.“

Julia Wehrmann-Rensch (2. von links) freut sich über so viele Azubis wie noch nie in ihren Märkten. (Foto: Wehrmann)

Für Unternehmen bedeutet das vor allem, Geduld zu haben. Während Ausbildungsplätze früher oft viele Monate im Voraus vergeben waren, fallen manche Entscheidungen heute erst kurz vor dem Start. Bei EDEKA Wehrmann hat sich das Warten gelohnt. 18 junge Menschen haben sich für eine Ausbildung im Einzelhandel entschieden und starten nun in den Märkten des Unternehmens ins Berufsleben.

Aber ist sie damit wirklich wieder da, die Ausbildung? Erlebt sie gerade ihr großes Comeback?

Ein Blick in kleinere Betriebe zeigt, dass die Antwort nicht ganz so eindeutig ist. Gärtnermeister Friedrich Kamp bildet in diesem Jahr ebenfalls einen jungen Menschen aus. Drei Bewerbungen lagen ihm vor, einer der Bewerber konnte überzeugen. Einen generellen Aufschwung im Gartenhandwerk erkennt Kamp bislang jedoch nicht. Das Interesse halte sich seit Jahren relativ konstant. „In unserem Handwerk ist man stark wetterabhängig, wird auch mal dreckig und hat nicht immer pünktlich Feierabend“, sagt Kamp. Genau das spiele für viele Jugendliche bei der Berufswahl eine wichtige Rolle. Handwerk bedeutet eben nicht nur Arbeiten an der frischen Luft, sondern auch Regen, schwere Tage und die Bereitschaft, mit anzupacken. Für Friedrich Kamp bleibt deshalb entscheidend, immer wieder neue Begeisterung für das Gartenhandwerk zu wecken.