
„Na, komm mal her.“ Vorsichtig streckt eine Bewohnerin ihre Hand aus. Goethe zögert einen Moment, schnuppert neugierig – und schnappt sich schließlich das kleine Stück Futter mit seinen weichen Lippen. Um sie herum wird gelacht. Ein paar Meter weiter wartet Gigolo bereits auf die nächste Streicheleinheit. Für einen Augenblick rücken Rollatoren, Termine und der Alltag der Mathilden Residenz in den Hintergrund. Stattdessen bestimmen flauschiges Fell, staunende Blicke und ganz viel Herzenswärme das Geschehen.
Einmal im Jahr bekommen die Bewohner besonderen Besuch: Die Alpakas vom Hof Lipperland Alpakas aus Papenhausen schauen vorbei. Gemeinsam mit Trainerin Maike Köhn und Kevin Pabich bringen Goethe und Gigolo dabei nicht nur tierische Gesellschaft mit – sondern vor allem unzählige kleine Glücksmomente.
Schon bevor Goethe und Gigolo überhaupt im Foyer ankommen, ist die Vorfreude spürbar. Bewohner sitzen erwartungsvoll in ihren Rollstühlen, andere haben sich einen Platz am Fenster gesichert. Immer wieder fällt der Blick zur Eingangstür. Dann ist es soweit.
Vorsichtig setzen die beiden Alpakas ihre ersten Schritte ins Gebäude. Noch wirken sie ein wenig zurückhaltend. Verständlich – schließlich ist eine Seniorenresidenz nicht gerade das natürliche Terrain eines Alpakas. Doch Trainerin Maike Köhn und ihr Kollege Kevin Pabich kennen ihre Tiere genau. Mit ruhiger Stimme, viel Geduld und einer Handvoll Futter dauert es nicht lange, bis Goethe und Gigolo ihre Scheu vergessen haben.
Eine Bewohnerin hält ihre Hand vorsichtig hin. Goethe schnuppert kurz – und nimmt das Futter mit erstaunlich sanften Lippen entgegen. Ein Herr daneben muss lachen, als Gigolo zielstrebig auf den nächsten Leckerbissen zusteuert. Andere streichen vorsichtig über das weiche Fell. Berührungsängste? Fehlanzeige. Stattdessen entstehen Gespräche, Erinnerungen an frühere Bauernhöfe werden wach und überall sind lächelnde Gesichter zu sehen.

„Die sind ja unglaublich weich“, sagt eine Bewohnerin leise und kann kaum aufhören, das dichte Fell zu streicheln. Ein anderer Bewohner beobachtet Gigolo schmunzelnd: „Der weiß ganz genau, wo es etwas zu futtern gibt.“
Während Maike Köhn Fragen über Haltung, Charakter und Verhalten der Tiere beantwortet, begleiten Kevin Pabich und sie Goethe und Gigolo sicher durch die Flure der Residenz. Immer wieder bleiben die Alpakas stehen, lassen sich streicheln oder holen sich geduldig das nächste Leckerli ab.

Der bewegendste Teil des Besuchs beginnt jedoch erst zum Schluss.
Dann steigen Goethe und Gigolo tatsächlich in den Fahrstuhl. Ziel ist die Palliativstation. Auch Bewohner, die ihre Zimmer nicht mehr verlassen können, sollen die Möglichkeit bekommen, den Tieren zu begegnen. Als sich die Fahrstuhltüren öffnen, wird es still. Hände gleiten über weiches Fell, Gesichter hellen sich auf, manche Augen werden feucht. Es sind Begegnungen, die keiner großen Worte bedürfen.
Für Einrichtungsleiter Hannes Probst ist genau das der wertvollste Moment des Tages. „Das ist das allerschönste auf der Welt“, sagt eine Bewohnerin mit Trainen in den Augen und blickt auf die Begegnungen zwischen ihr und dem Tier.
Und tatsächlich: Für einen Augenblick spielen Alter, Krankheit oder Einschränkungen keine Rolle mehr. Dann zählen nur ein neugieriger Alpaka-Blick, eine sanfte Berührung und das ehrliche Lächeln, das dadurch entsteht.
