
Der Blücherplatz in Spenge sieht an einem Samstagabend selten so aus. Keine Wasserspiel, kein Durchgangsverkehr. Stattdessen Menschen, die dicht beieinander stehen, einige mit Kerzen, andere mit Taschenlampen oder Handylichtern in der Hand. Als später Musik über den Platz klingt, gehen immer mehr kleine Lichter nach oben.
Rund 150 Menschen sind an diesem Abend gekommen, wie Polizeibeamter Ansgar Winkler schätzt. Sie folgen der Einladung des Bündnisses „Spenge steht auf“, das erneut zum sogenannten Lichtermeer aufgerufen hat – einer Demonstration für Demokratie, Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Durch den Abend führen Lisa Kinnius und Nicole Ronellenfitsch vom Bündnis. Die Initiative hatte vor zwei Jahren erstmals zu einer solchen Demonstration in Spenge aufgerufen. Auslöser war damals ein bundesweit diskutiertes Geheimtreffen mit AfD-Beteiligung, bei dem über die Ausweisung von Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen worden sein soll. Die Empörung darüber brachte auch in Spenge Menschen zusammen. Seitdem organisiert das Bündnis immer wieder Aktionen, um für demokratische Werte zu werben.
Den Anfang auf der kleinen Bühne macht Bürgermeister Bernd Dumcke. Seine Worte sind ruhig, aber deutlich. Wenn es um Demokratie gehe, müsse man gemeinsam Haltung zeigen – unabhängig von Parteifarben. „Alle müssen dagegenstehen – egal aus welchem Parteienspektrum“, sagt er. Freiheit sei nichts Selbstverständliches. „Ich durfte 64 Jahre Freiheit erleben“, erklärt Dumcke und erinnert daran, wie wichtig es sei, diese zu verteidigen.

Auch Samira Schäfers, Politikwissenschaftsstudentin und Werkstudentin der Charlottenburg, spricht über Verantwortung. Die Feinde einer offenen Gesellschaft würden nicht verschwinden, sagt sie. „Aber wir sind auch nicht kleiner geworden, weder leiser noch müder. Wir halten dagegen.“ Der Satz wird mit lautem Applaus beantwortet.
Dann wird es persönlicher. Jannis Alfanso vom Bündnis „Spenge steht auf“ erzählt von Gesprächen zu Hause – mit seinem Sohn. „Wie erkläre ich das meinem Sohn, was gerade in der Welt los ist?“, fragt er in die Menge. „Wie erkläre ich ihm, dass wir uns manchmal so fremd geworden sind und blaue Plakate ganz normal an den Straßenlaternen hängen?“
Auch Carl Thiedmann, Schülersprecher der Widukind-Gesamtschule Enger, spricht über Erfahrungen, die viele Jugendliche beschäftigt haben. Vor mehr als einem Jahr tauchten in der Region rechtsextreme und menschenfeindliche Symbole auf. „Der Schaden wurde beseitigt“, sagt er. „Aber was ist mit dem, was man nicht in Worte fassen kann? Etwas so Schlimmes ist so nah.“

Zum Abschluss richtet James Grogan vom Engeraner Manifest den Blick auf den Alltag. Viele Situationen seien inzwischen erschreckend normal geworden, sagt er. „Und genau solche Momente entscheiden, wer wir sein wollen.“ Alltagsrassismus passiere nicht irgendwo weit weg. „Das passiert auch hier.“ Dass der Abend auf den Internationalen Frauentag fällt, greift Grogan ebenfalls auf: „Starke Frauen verändern gerade die Spielregeln und nehmen sich den Raum, der ihnen viel zu lange verwehrt geblieben ist.“ Sein letzter Satz bleibt hängen: „Spenge ist zu klein für Gleichgültigkeit.“
Als anschließend die Band „Von Weiden“ spielt, zücken viele ihre Handys. Taschenlampen, Lichterketten und Kerzen heben sich gegen den dunklen Himmel. Und das soll er auch im nächsten Jahr wieder tun: Das Bündnis hat bereits angekündigt, dass das Lichtermeer auch 2027 wieder zur selben Zeit stattfinden soll.

