
Als Annemarie Lipinsky, Wibke Schüler und Jasmin Drewes vom Presbyterium nach vorne traten, lag eine gespannte Unruhe im Raum. Dann fiel der Satz, der den Ton des Nachmittags bestimmte: „Wir reden hier über mehr als Gebäude, denn sie sind Orte der Begegnung und des Miteinanders.“
Was folgte, war die vielleicht härteste Nachricht, die die evangelische Kirchengemeinde Enger in den vergangenen Jahrzehnten verkraften musste. Das neue Gebäudekonzept bedeutet: Rund 75 Prozent der kirchlichen Gebäude werden ab dem 1. Januar 2027 aufgegeben. Übrig bleiben sollen nur die Stiftskirche und das Gemeindehaus an der Stiftskirche in der Mitte der Stadt. Alle anderen Kirchen und Gemeindehäuser stehen vor dem Aus.
Die Kreissynode hat Rahmenvereinbarungen, finanzielle Eckdaten und ein sogenanntes Ampelsystem vorgegeben. Dieses System bewertet die Gebäude nach Wirtschaftlichkeit, Zustand und Zukunftsfähigkeit. Grün würde heißen: tragfähig. Rot: nicht mehr haltbar. In Enger aber stand die Ampel für alle Gebäude auf Gelb. Also auf „kritisch“. Das bedeutete: Das Presbyterium musste selbst entscheiden, welche Standorte bleiben dürfen und welche nicht.
Die Vorgabe aus dem Kirchenkreis lautete eigentlich, den Gebäudebestand um 50 Prozent zu reduzieren. Doch das Presbyterium ging weiter. „Wir wollten keine Spaltung der Gemeinde“, erklärte Wibke Schüler. Die Frage, welcher Stadtteil sein Gemeindehaus behalten darf und welcher nicht, hätte Gewinner und Verlierer produziert und genau das wollte man vermeiden. Die Konsequenz ist radikal und für viele schmerzhaft. Die Stiftskirche bleibt, weil sie, so Schüler, „identitätsstiftend“ für Enger sei. Ihr Verlust wäre ein herber Einschnitt für die Stadt. Sie soll mit Hilfe von Fördergeldern saniert werden. Das Gemeindehaus an der Stiftskirche bleibt ebenfalls. Alles andere soll abgegeben werden.
Dass diese Entscheidung nicht aus Bequemlichkeit gefallen ist, machte Annemarie Lipinsky deutlich. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Kirche verliert rund drei Prozent ihrer Mitglieder pro Jahr. „Ich erschrecke mich jedes Mal, wenn ich die Zahlen sehe“, sagte sie. Gleichzeitig ist das Pfarrteam in den vergangenen Jahren von 4,75 Stellen auf 2,5 Stellen geschrumpft. Und alle Gebäude haben seit über 25 Jahren einen massiven Renovierungsstau. Das Geld, um all das dauerhaft zu erhalten, ist nicht mehr da. Heißt: Die Lukaskirche, das Gemeindezentrum Westerenger und das Gemeindezentrum Oldinghausen/Pödinghausen werden verkauft. Samt Kirchen.
Trotzdem blieb es im Saal nicht bei stiller Betroffenheit. Traurigkeit und Wut lagen dicht beieinander. Viele fragten sich, was aus dem Gemeindeleben werden soll, wenn die vertrauten Orte verschwinden. Vertreter von Vereinen wie dem AGV Westerenger, der den Nikolausmarkt organisiert, baten um Planungssicherheit. Wo sollen Feste stattfinden, wenn die bisherigen Räume wegfallen? Was passiert mit Chorproben, Konzerten, Abendmusiken, Flohmärkten oder dem Maibaumfest?
Zumindest für die nächsten Monate gibt es darauf eine klare Antwort: Bis Ende 2026 sollen alle geplanten Veranstaltungen wie gewohnt stattfinden. Ab 2027 soll dann gemeinsam nach Alternativen gesucht werden, nach kreativen Lösungen in den einzelnen Stadtteilen. Denkbar sind Kooperationen, etwa mit Feuerwehrhäusern, Schulen, Kindergärten oder Vereinsheimen. „Das Gemeindeleben ist nicht auf einen Ort fixiert“, betonte Lipinsky. Gleichzeitig versprach das Presbyterium, die Hintergründe transparent zu machen und viele persönliche Gespräche zu führen.
Ortsteile verlieren ihre Basis
Für manche Teams fühlt sich diese Entscheidung nicht wie ein Umbau, sondern wie ein möglicher Abschied an. Hinter den Kulissen wird bereits darüber gesprochen, ob sich einzelne Angebote überhaupt noch weiterführen lassen – oder ob am Ende nur das komplette Aufhören bleibt. Besonders schmerzlich ist diese Unsicherheit für die Menschen, die seit Jahren das Gemeindeleben tragen. Musikerinnen und Musiker ebenso wie die Küster sind zwar zunächst abgesichert: Ihre Stellen sind noch für drei Jahre fest und mit vollem Gehalt finanziert. Danach sollen sie im Kirchenkreis untergebracht werden. Doch was das für die Arbeit vor Ort bedeutet, ist offen.
Noch eine Änderung soll es geben: Das Jugendzentrum Zebra soll nach Belke-Steinbeck in die Räume des Gemeindehauses der Lukaskirche ziehen.Das Gebäude, in dem das Jugendzentrum Zebra aktuell untergebracht ist, gehört bereits nicht mehr der Kirche. Die Frage steht im Raum, ob das überhaupt noch der richtige Standort ist. Eine Verlagerung an die Lukaskirche wird geprüft. Noch ist vieles offen, aber klar ist: Auch hier steht ein Umbruch bevor.
„Alle Ortsteile verlieren ihre Basis“, sagte eine Zuhörerin. Und warnte: „Entwicklung von Ehrenamt braucht Luft und Platz, die wird uns jetzt genommen. Wenn Kirche nicht mehr sichtbar ist, dann sind wir verloren.“
Der ehemalige Pfarrer Eckhardt Koch meldete sich ebenfalls zu Wort: „Wir müssen jetzt mit der Realität leben, anpacken und was tun.“ Der Beschluss steht. Jetzt geht es darum, neue Wege zu finden. Für die Gebäude, die in die Entwicklungsgesellschaft des Kirchenkreises übergehen, gilt: Innerhalb von drei Jahren soll versucht werden, Investoren zu finden. Ab dem 1. Januar 2027 sollen sie nicht mehr wie gewohnt genutzt werden, damit eine kurzfristige Vermarktung möglich bleibt, erklärte Dr. Olaf Reinmuth, Superintendent des Kirchenkreises Herford, der das Konzept der Vermarktung entwickelt hat. Wenn die Kirchengemeinde sie dennoch nutzen will, muss sie Miete zahlen. Und wenn sich nach drei Jahren niemand findet, fallen die Gebäude zurück. Dann aber ohne finanzielle Unterstützung. Ein Szenario, das viele im Raum als Vernichtung von Gemeindeleben empfanden.
Wie die Kirchen und Gemeindehäuser künftig genutzt werden, lässt der Kirchenkreis bewusst offen, betonte Reinmuth. Denkbar sei vieles – von caritativen Angeboten über neuen Wohnraum bis hin zu gastronomischen Konzepten. Am Ende werde es vor allem von den Ideen und Konzepten der Interessenten abhängen, welche neue Rolle die Gebäude einmal übernehmen.
Das war es also mit den einzelnen Gemeindehäusern der Stadtteile. Es geht um Orte, an denen Menschen sich begegnet sind, gefeiert, getrauert, gesungen, diskutiert haben. Und es geht um die Frage, wie Kirche in Enger in Zukunft sichtbar bleiben kann, wenn vieles von dem, was jahrzehntelang selbstverständlich war, nicht mehr selbstverständlich ist. Die Entscheidung ist gefallen. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt.
