Auch „Memories“ sagt Tschüss

Nicht einmal zwei Jahre nach der Übernahme hat Arzu Ipek ihren Spielzeugladen am Kirchplatz gekündigt. Die geplante Innenstadtbaustelle, fehlende Perspektiven und die Kosten eines Umzugs haben sie zu der Entscheidung gebracht. Bis Ende März bleibt „Memories“ geöffnet.

Es war am Ende nur ein Brief. Arzu Ipek warf ihn bei ihrem Vermieter ein und beendete damit ein Kapitel, das eigentlich gerade erst begonnen hatte. Die Inhaberin des Spielzeugladens „Memories“ hat ihre Räume am Kirchplatz 11 gekündigt.

Erst im Februar 2025 hatte die 43-Jährige das Geschäft von Sabine Jahnke-Wippermann übernommen. Nach und nach machte sie „Memories“ zu ihrem Laden: Sie erweiterte das Angebot um Schreibwaren, führte Geburtstagskisten ein und baute sich eine treue Stammkundschaft auf. Kinder kamen mit großen Wünschen, Eltern mit kleinen Fragezeichen und verließen das Geschäft meistens mit einem Geschenk in der Hand.

Doch dann kamen die Gespräche mit der Stadt über die geplanten ISEK-Maßnahmen in der Innenstadt. Danach stand für Ipek fest: „Ich kann an diesem Standort nicht bleiben.“ Die bevorstehenden Bauarbeiten und die damit verbundenen Einschränkungen seien für einen kleinen Einzelhandelsbetrieb kaum aufzufangen.

Zunächst wollte sie trotzdem weitermachen. Ipek besichtigte zahlreiche Leerstände in Enger und schaute sich schließlich sogar einen möglichen Standort in Spenge an. Doch aus der Suche wurde irgendwann keine Aufbruchsstimmung, sondern eine Belastung. „Ich habe einfach gemerkt, wie viel Kraft der Standortwechsel kosten wird“, sagt sie. Gleichzeitig nehme sie wahr, wie Engers Innenstadt immer leerer und damit für den Einzelhandel zunehmend unattraktiv werde. In Spenge wiederum müsste sie mit ihrem Geschäft und ihrer Kundschaft noch einmal ganz von vorn anfangen.

Dass es auch anders gehen kann, hat Ipek im benachbarten Halle beobachtet. Dort wurde die Innenstadt ebenfalls im Zuge eines ISEK umgebaut. Die Stadt stellte 2025 nach Angaben der Geschäftsinhaberin 100.000 Euro in einem Fonds für betroffene Einzelhändler bereit. Bei deutlichen Umsatzeinbußen während der Sperrungen konnten Unternehmen unbürokratisch Liquiditätshilfen erhalten, die nicht zurückgezahlt werden mussten. Weitere 20.000 Euro flossen in kreative Marketingmaßnahmen für die Baustellenzeit, die den Einzelhändlern direkt zu Gute kamen.

„Warum in Enger keinerlei vergleichbare Hilfen oder konstruktive Vorschläge kommen, ist mir ein Rätsel“, sagt Ipek. Denn: „Einzelhandel ist schon schwer genug.“ Für die viele Arbeit bleibe am Ende des Monats ohnehin nur wenig übrig. Ein kompletter Umzug mit neuen Räumen, Transport, Umbau und weiteren Investitionen sei für sie kaum zu stemmen – vor allem ohne die Gewissheit, dass sich der Neustart tatsächlich lohnt.

Und so tauchte irgendwann ein Gedanke auf, der zunächst gar nicht vorgesehen war: ganz aufzuhören. Auch ihre beiden Kinder seien anfangs sehr traurig gewesen. Inzwischen habe sich die Entscheidung in der Familie gesetzt. Nun freue man sich wieder auf mehr gemeinsame und vor allem flexiblere Zeit. Ipek selbst möchte zurück in ihren alten Beruf. Die Bauingenieurin plant ihre Rückkehr in die Baubranche.

Noch bleibt „Memories“ geöffnet. Der Mietvertrag läuft bis zum 30. März 2027. Bis dahin geht der Verkauf weiter. Sollte sich eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger finden, würde Ipek sich freuen. Andernfalls wird sie die verbliebene Ware verkaufen und anschließend die Ladentür ein letztes Mal schließen. Dann verschwindet mit „Memories“ nicht nur ein weiterer Laden aus Engers Innenstadt.