Zwei Flaschen Schnaps, zwei Kisten Bier und Sekt für die Nachbarschaft: Engers Irminsul ist zurück

Bürgermeister Stefan Böske, Anja Pohlmann-Thielking und Olav Heinemann stoßen auf die Rückkehr der Irminsul an. (Foto: Jana Göb)

Manche Dinge gehören einfach nach Hause. Die Irminsul aus der Alten Schule in Westerenger ist so ein Ding. Fast 80 Jahre alt, mehr als zwei Meter hoch, ziemlich wackelig und mit einer erstaunlichen Vorliebe für hochprozentige Besitzerwechsel. Jetzt ist sie zurück im Widukind-Museum.

Die Geschichte beginnt 1948. Enger feiert sein 1000-jähriges Stadtjubiläum und der Ratsherr und Möbeltischler Martin Husemann baut dafür eine Irminsul aus Holz. 2,15 Meter hoch, 1,08 Meter breit, 43 Zentimeter tief. Ein ziemlich imposantes Teil.

Als Vorbild dient eine Darstellung an den Externsteinen. Historisch gesichert ist diese Form der Irminsul allerdings nicht. Wie das sächsische Heiligtum tatsächlich aussah, weiß heute niemand genau.

Aber 1948 interessiert zunächst etwas anderes: Die Irminsul soll gesehen werden. Also wird sie auf einen festlich geschmückten Wagen gepackt und durch Enger gefahren. Danach wird es komplizierter.

Das gute Stück landet in der damaligen Widukind-Gedächtnisstätte, kippt dort aber offenbar mehr als einmal um und beschädigt andere Ausstellungsstücke. Irgendwann wird sie ins Rathaus verfrachtet. Dort kommt sie schließlich einer frisch eingesetzten Thermopenglasscheibe gefährlich nahe. Die Lösung damals: weg damit. Am besten verbrennen. Zum Glück hatte jemand eine bessere Idee.

Eine Flasche Schnaps gegen die Irminsul

Statt im Feuer zu landen, wechselte die Irminsul damals gegen eine Flasche Schnaps den Besitzer. Sie kam in Privatbesitz und schließlich zur Familie Pohlmann. Dort überlebte sie die kommenden Jahrzehnte. Zuletzt stand sie in der Alten Schule in Westerenger. Von hier aus wurde sie an verschiedene Museen ausgeliehen und zierte den Eingang der Familie.

Nun wird das Gebäude am Kastanienweg verkauft. Für Eigentümerin Anja Pohlmann-Thielking war damit auch die Frage verbunden: Was passiert mit der Irminsul? Die Antwort: Sie kommt zurück nach Hause.

Und weil man eine gute Geschichte nicht kaputtmodernisieren sollte, wurde auch der historische Deal ein bisschen wiederbelebt. Diesmal kostete die Irminsul allerdings etwas mehr als 1948: Zwei Flaschen Schnaps. Zwei Kisten Bier. Und ein paar Flaschen Sekt für die Nachbarschaft. Inflation, vermutlich.

Wieder da, wo sie hingehört

Bürgermeister Stefan Böske freut sich jedenfalls, dass das ungewöhnliche Stück Engeraner Stadtgeschichte nach so vielen Jahren wieder im Besitz der Stadt ist.

Und er gab bei der Rückkehr gleich noch ein wichtiges Versprechen ab: Selbst wenn die Irminsul wieder umkippen sollte, werde sie dieses Mal nicht verbrannt.

Denn inzwischen ist das Holzmodell selbst längst Geschichte. Nicht, weil es eine echte Irminsul aus der Sachsenzeit wäre. Sondern weil es erzählt, wie Enger vor fast 80 Jahren auf seine eigene Vergangenheit blickte.

Museumsleiter Olav Heinemann kann das Stück nun wieder öffentlich einordnen und erzählen, was hinter der Irminsul, ihrer Entstehung und ihrer etwas wilden Reise durch Enger steckt.

Ein Stück Enger mit ziemlich guter Biografie

Die eigentliche Irminsul war ein Heiligtum der Sachsen. Karl der Große ließ eine Irminsul im Jahr 772 zerstören. Wie sie aussah und wo genau sie stand, darüber wurde über Jahrhunderte gestritten. Das Engeraner Modell entstand dagegen ganz sicher 1948.

Ab sofort ist die Irminsul im Widukind-Museum zu sehen. Und diesmal darf sie bleiben. Selbst wenn sie umfällt.