
Am 17. Mai war der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit – ein Tag, an dem weltweit ein Zeichen für Sichtbarkeit, Schutz und Akzeptanz queerer Menschen gesetzt wird. In vielen Städten wehte an Rathäusern die Regenbogenflagge. In Enger blieb der Mast vor dem Rathaus leer.
Darauf aufmerksam gemacht hatte vorab bereits SPD-Ratsfrau Sarah Karczewski auf Instagram. Nun hat der Verein Engeraner Manifest e.V. mit einem offenen Brief an Bürgermeister Stefan Böske nachgelegt – deutlich formuliert, öffentlich adressiert und mit einer Frage, die inzwischen viele Menschen in Enger beschäftigt: Warum wurde die Regenbogenflagge in diesem Jahr nicht gehisst?
Der Brief spricht von „Verwunderung und Irritation“. Besonders deshalb, weil die Stadt sich in den vergangenen Jahren am Aktionstag beteiligt hatte. Das Engeraner Manifest erinnert darin auch an ein Versprechen des Bürgermeisters, „ein Bürgermeister für alle BürgerInnen“ sein zu wollen. Gleichzeitig formuliert der Verein die Sorge, dass queere Menschen sich durch die fehlende Sichtbarkeit ausgeschlossen fühlen könnten.
Dabei gehe es längst nicht nur um Symbolpolitik. Genau das macht die Debatte so emotional. Für die einen ist eine Flagge „nur ein Zeichen“. Für andere bedeutet sie: Wir sehen euch. Ihr gehört dazu. Ihr müsst euch hier nicht verstecken.
Im offenen Brief heißt es deshalb auch: „Sichtbarkeit ist kein Luxus. Für viele queere Menschen ist sie ein Stück Sicherheit.“ Denn: „Statistisch gesehen liegen die Bundesdurchschnittswerte bei 12 %, was bei etwa 20.800 Bürgerinnen und Bürgern in der Stadt Enger auf gut 2.500 Menschen hindeutet. In einer Stadt, in der es unter anderem einen Queer-Treff gibt, stößt man diesen Personen vor den Kopf, aber auch deren Familien, Freundinnen und Freunden sowie Mitarbeitenden, die queere Personen unterstützen“, heißt es weiter.
Der offene Brief endet deshalb nicht nur mit Kritik, sondern mit einer weiteren Frage an den Bürgermeister: Wie will die Stadt künftig sicherstellen, dass queere Menschen „sichtbar anerkannt, geschützt und unterstützt werden“?
Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten spürbarer polarisiert werden und rechte Positionen bundesweit wieder stärker an Einfluss gewinnen, bekommt die Frage nach Haltung und Sichtbarkeit für viele Menschen zusätzliches Gewicht. Symbole wie die Regenbogenflagge werden dabei längst nicht mehr nur als politische Geste verstanden, sondern auch als öffentliches Zeichen dafür, dass Vielfalt, Respekt und Schutz von Minderheiten weiterhin selbstverständlich zur demokratischen Gesellschaft gehören sollen. Umso sensibler wird wahrgenommen, wenn solche Zeichen ausbleiben – besonders in kleineren Städten, in denen öffentliche Entscheidungen oft unmittelbarer wirken als in anonymen Großstädten.
