
Was bedeutet es eigentlich, queer zu sein – fernab der Großstadt, ohne Szeneviertel, ohne großes Netzwerk? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung „Feldwege zum Coming-out“, die am 2. Februar 2026 um 17.30 Uhr in der Stadtbücherei Enger eröffnet wird. Initiiert wurde sie vom Engeraner Manifest, einer lokalen Initiative aus der Widukindstadt, die sich für Gleichstellung, Vielfalt und ein diskriminierungsfreies Zusammenleben einsetzt.
„Was fehlt uns in Enger an Sichtbarkeit?“ – diese Frage steht sinnbildlich über der Ausstellung. Die Ausstellung erzählt Coming-out-Geschichten von LSBTIQ*-Personen aus dem ländlichen Raum – ehrlich, persönlich und vielschichtig. Auf Roll-ups, mit Bildern und ergänzenden Audioaufnahmen, berichten Menschen von ihren Erfahrungen: vom Ringen mit der eigenen Identität, von Mut und Unsicherheit, von Befreiung, aber auch von Alltagskonflikten. Denn eines zieht sich wie ein roter Faden durch viele Berichte: Coming-out ist kein einmaliger Moment, sondern ein Prozess – oft ein lebenslanger.
„Coming-out ist jeden Tag wieder – es ist nie abgeschlossen“, sagte Laura Wagner, Leiterin der Bücherei. Es bedeute für viele, sich immer wieder erklären zu müssen.
Gerade auf dem Land seien die Bedingungen andere, betonte Ulrich Martinschledde, Ansprechpartner der katholischen Kirche für queere Menschen im Kreis Herford: Weniger Angebote, weniger Schutzräume, weniger queere Vorbilder. „Menschen müssen sich hier oft mehr erklären, mehr rechtfertigen“, weiß er. Gleichzeitig fehle es an Netzwerken und Anlaufstellen. Die Welt sei vielfältig – doch diese Vielfalt werde nicht überall gleich sichtbar.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Sichtbarkeit ein zentraler Schlüssel ist. Nicht als Provokation, sondern als Voraussetzung für Verständnis, Akzeptanz und demokratisches Miteinander. Besonders im ländlichen Raum blieben queere Lebensrealitäten häufig unsichtbar – und damit auch ungehört. Genau hier soll das kommende Projekt ansetzen: Es schafft einen Raum für Begegnung, Austausch und Perspektivwechsel.
Ein weiterer Fokus liegt auf der pädagogischen Arbeit. Vom 16. bis 27. Februar 2026 wird die Ausstellung im Jugendzentrum Kleinbahnhof Enger zu sehen sein. Schulklassen – empfohlen ab Jahrgangsstufe 8 – können die Ausstellung nach Anmeldung besuchen und werden dabei fachlich begleitet. Themen wie sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität und Vielfalt werden altersgerecht eingeordnet und diskutiert.
Die Ausstellung ist kostenfrei zugänglich. In der Stadtbücherei kann sie während der regulären Öffnungszeiten bis zum 13. Februar 2026 besichtigt werden. Auch Menschen, die anonym bleiben möchten, finden Berücksichtigung: „Niemand muss sagen „ich komme wegen der Ausstellung“, sondern jeder kann einfach in die Bücherei gehen“, so Christina Meyer vom Engeraner Manifest.
